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 24.07.2017

"Und klick! Jetzt hängt das Foto der beiden Nackten in Chelsea an der Wand." Foto: Rachael Dunville.

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Nackte Emotionen

Von Tanja Schwarzenbach 

Wenn die New Yorker Fotografin Rachael Dunville auf den Auslöser drückt, lassen die Menschen ihre Alltagsmasken fallen. Manchmal auch mehr.
    

    Die New Yorker wackeln auf ihren Plastiksitzen hin und her, weil der Zugführer der U-Bahnlinie L offensichtlich im Geschwindigkeitsrausch ist. Die meisten Fahrgäste bekommen das nicht mit, sie sind in Gedanken versunken. Sie tragen blaue Arbeitskleidung oder billige Schuhe, stopfen mit dicken Wurstfingern Schokolade in sich hinein, braune Flecken auf dem Jogginganzug. Kurzum, sie sehen aus, als hätten sie Jobs, die weder Spaß machen noch Geld bringen. Es sind unzählige Menschen und insbesondere an den Jüngeren - denen mit tätowierten Armen, Jesusbart oder pinkfarbenen Leggins - erkennt man, dass doch niemand sein will wie der andere. (Natürlich will man auch dazu gehören, aber freut man sich, wenn man jemandem gegenüber steht, der das Gleiche trägt wie man selbst? Nein.) Man will sich also abheben, doch gelingt es nicht so recht, weil in Williamsburg, dem In-Viertel in Brooklyn, nämlich zehn junge Männer mit Jesusbart herumlaufen und in Manhattan an jeder dritten Ampel eine Frau in pinkfarbener Leggins steht. Das führt manchmal zur Maskerade, zur Selbstinszenierung, um doch noch einmalig zu sein, und New York erscheint plötzlich wie ein riesengroßer Zirkus, in dem sich alles um das eigene Ego dreht. 

Eine Ausstellung in Chelsea, denkt man sich, verspricht nicht sehr viel anderes. In Chelsea, wo die Galerien in neu aufgemotzten Fabrikgebäuden residieren, wo Galeristen und Assistenten aussehen, als gingen sie gleich auf die exklusivste Party der Stadt.

Doch kaum steht man in der Peer Gallery und sieht die Fotografien von Rachael Dunville, ist man peinlich berührt von der Ehrlichkeit der Bilder und der Fotografin, die völlig unaufgesetzt von ihrer Arbeit erzählt.

Rachael Dunville, die bereits einige Fotografie-Stipendien und kleinere Preise bekommen hat, wuchs in einer Kleinstadt in Missouri auf und machte ihren Abschluss an der School of Visual Arts in New York. Sie ist 28 Jahre alt und wirkt mädchenhaft -  ihre nackten braunen Beine stecken in cremefarbenen Lederstiefeln, das karamellfarbene Strickkleid bedeckt nicht mal die Knie. Dunville begann vor zwei Jahren wie eine Besessene zu fotografieren. Sie knipste mit ihrer Hasselblad einige Hundert Fotos – und zwar in ihrer Heimatstadt Springfield. Sie wollte die Bewohner dort porträtieren. 

Springfield hat 150 000 Einwohner und es leben dort Menschen, die, jedenfalls damals, nichts darauf gaben, modischen Trends hinterherzuhetzen. Es sind Menschen, denen es egal ist, ob sie im Sommer nahtlos braun sind, auf deren Haut sich weiße und bräunliche Streifen abzeichnen, je nachdem, wo das T-Shirt und die Short endeten. Es sind auch Menschen, die ungeniert weiterduschen, wenn eine zwar namentlich bekannte, aber doch nicht sonderlich vertraute Fotografin überraschend im Bad auftaucht – das trug sich so zu:

Dunville hatte mit dem Paar einen Fototermin in deren Haus vereinbart. In diesem Haus wuchs Dunville auf, es gehört ihrer Mutter, doch hat sie es inzwischen vermietet. Der Fotografin fiel es also leicht, sich zurechtzufinden und die beiden aufzuspüren. Die zwei duschten gerade, aber das machte nichts, nein, sie baten Dunville herein, denn es kam ganz gelegen, mit ihr zu sprechen, zum Beispiel darüber, was sie zu dem Fotoshooting am besten anziehen sollten. Währenddessen duschten sie weiter, nackt natürlich. Dunville plapperte (für einen kurzen Moment vielleicht peinlich berührt, man weiß es nicht) und kam irgendwann auf die Idee, ihre Kamera zu holen.

Und Klick! Jetzt hängt das Foto der beiden Nackten in Chelsea an der Wand.

Daneben hängt ein weiteres, die beiden Springfielder tragen darauf immerhin Unterwäsche, die Haare sind noch nass und die Sonnenstreifen deutlich zu sehen. Das war nach dem Duschen.

Der Kurator sagt mehrfach, er selbst komme auch aus dem Süden und erklärt Dunville mit sanfter Stimme und in perfekt formulierten Sätzen zum „Rising Star“, er gehört ja auch zur Galerie. Und die will Fotos verkaufen.

In der Tat aber haben die Fotografien etwas Anziehendes an sich, man will sie sich wieder und wieder ansehen. Auf allen sind Springfielder abgebildet, sie sehen fragil und verletzlich aus, eben so wie sie sind und das hat in der Großstadt New York etwas Magisches.

Dunville hat ihr Fotoprojekt Springtown genannt, ein Spitzname für das Springfield ihrer Kindheit. „Meine Mutter hatte ein Restaurant in Springfield und bekochte dort fast die ganze Stadt. Ich kenne heute noch sehr viele Einwohner beim Namen, weiß, wann sie Geburtstag haben und welche Tomatenart sie im Gemüsegarten züchten“, erzählt Dunville. Die Stadt habe damals einer Hippie-Kommune geglichen. In Unterwäsche die Tür aufzumachen war ganz normal.

In New York, wo einen Block weiter Busse und Taxis durch die Straßen röhren, wo einem im Sekundentakt namenlose Gesichter begegnen und man bei Nacht in den dunklen Ecken lieber schnellen Schrittes geht, klingt Springtown wie eine Verheißung. Die Menschen aber, sagt Dunville, seien sich ähnlich – egal ob aus einer Großstadt oder einem Provinznest. „Wir sind alle immer in Hetze, müssen auf einen Termin, wir sehen uns im Spiegel gar nicht richtig an.“

Die Fotografin bringt die Menschen dazu, inne zu halten. Sich ansehen zu lassen. Sie blickt nicht flüchtig auf ihr Gegenüber, sie versucht es zu durchdringen, zu verstehen. So wie es ihre Vorbilder gemacht haben, die Fotografen Mike Disfarmer und Peter Hujar. Letzterer hat schon Susan Sontag und Andy Warhol fotografiert, ihm wird eine „ungeheuerliche“ Konzentration auf sein Sujet nachgesagt. Diese Konzentration auf das menschliche Wesen, sagt Dunville, verunsichere die Menschen manchmal. Oft aber ließen sie ihre Alltagsmasken wie einen Ballast fallen. Auf dem Bett, im Garten, im Bad seien dann Menschen zu sehen, die nicht im körperlichen Sinne nackt seien, sondern im emotionalen. Die Fotografin nennt es „Emotional Undress“, weil wir die Fassade, hinter der wir so gut funktionieren, ablegen und Gefühle zum Vorschein kommen. Das kann die junge Frau sein, die im mintfarbenen Petticoatkleid auf der Bettkante sitzt und in schüchterner Geste Hände und Füße überkreuzt. Oder der Mann, der während des Fotoshootings seiner nackten Freundin ein Hemd vor die untere Hälfte ihres Körpers hält, weil er nicht will, dass sie sich in ganzer Blöße zeigt.

Sieht man diese Bilder in Chelsea an der Wand, man muss lächeln.

Hin und wieder, sagt Dunville, sei sie überrascht, wie weit die Dinge gingen. „Wenn einen jemand richtig ansieht, dann kann es auch passieren, dass man sich plötzlich sehr sexy fühlt“. Wie der arbeitslose Musiker, der überraschend seine Jeans öffnet, aber keine Unterhose trägt. (Klick!) Oder der junge Mann, der an seiner Vespa lehnt und sein T-Shirt ein kleines Stück hebt (Klickklick!). Der Austausch zwischen Fotografin und Fotosujet sei dann so intensiv, dass sie sich nach den Shootings high fühle, sagt Dunville.

Zur Ausstellungseröffnung kamen alle Springfielder, deren Porträts in der Peer Galerie hängen, nach New York. Sie zogen sich schick an, denn man fährt nicht alle Tage von Missouri nach New York und besucht eine Galerie, in der man selbst zu sehen ist. Sie lächelten, sie lachten, sie unterhielten sich und sie sahen sich die Bilder an. „Viele waren überrascht, wie schön sie sind“, sagt Dunville.

Denn was sie auf den Fotografien sahen, das waren sie selbst.


Tanja Schwarzenbach, geboren 1975, ist freie Redakteurin in München. Nach ihrem Studium der Amerikanischen Kulturgeschichte volontierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und war dort anschließend Redakteurin. Ihr Schwerpunkt ist amerikanische Kultur.



Nicht erschienen, weil

Der Anlass verstrichen war, als sich die Redaktion dazu entschloss, den Artikel zu drucken.

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Rachael Dunville lebt und arbeitet in New York City und machte dort ihren Abschluss an der School of Visual Arts. Sie arbeitet derzeit an verschiedenen neuen Projekten, unter anderem The Girl Scouts über die Entwicklung ihres jüngeren Bruders und seiner Freunde.

Für das Interview trafen wir uns im November 2007 in einem ihrer Lieblingscafes in NYC "71 Irving Place" zwischen der 18. und 19. Straße in Manhattan. Anlass war ihre Ausstellung in der Peer Gallery in Chelsea.

Dunville selbst sagt über ihre Fotoserie "Springtown":

"Springtown is a series of color portrait photographs that reflect the ethos of the Ozark community in which I grew up and to which I belong. The images reveal a complex, curious, and often disarming view of the rapt attention between photographer and subject – fostered by a mutual regard for looking and for being seen. This oscillating event broadcasts desire and encapsulates the tension that is as palpable as it is fundamental to the act of making a portrait."

Zuletzt war eines ihrer Fotos in der Gruppenausstellung
"How I Spent My Summer Vacation" in der Michael Mazzeo Gallery in NYC zu sehen.

www.rachaeldunville.com