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 23.09.2017

Zwei arme Kellerwürste.  Foto: Thomas Herbrich

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Die Weihnachtsgeschichte in der Wursttheke

Ein Fotoprojekt von Thomas Herbrich

(Hintergrundgeschichte siehe Randnotiz)
    

     Im Keller lebte versteckt ein armes Paar Würste, sie waren schon sehr lange abgelaufen. Er hieß Josef Salami und ihr Name war Maria Cabanossi. Sie war schwanger und erwartete ein Würstchen.

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Nicht erschienen, weil

Sich eines der Magazine, dem der Fotograf die Bildstrecke anbot, nicht traute, sie abzu-
drucken. Das andere lehnte empört ab. 

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Mit meiner Fotogeschichte habe ich einen bizarren Skandal in Bayern ausgelöst, was keineswegs meine Absicht war. Das trug sich so zu:

Ende November 2007 fotografiere ich drei Tage in der Metzgerei Lauterbach in Kulmbach mit Würsten die Weihnachtsgeschichte. Ein Journalist macht "Making Of"- Fotos. In der Samstags-
ausgabe der Bayerischen Rundschau vom 9.12. erscheint daraufhin auf der Titelseite: "Fotograf verwurstet Weihnachten". Innen ein großer Artikel mit zwei "Making Of"-Fotos.


Am Dienstag drei lange Leserbriefe: "Ein Schlag ins Gesicht jedes Christen!", "Einfach Geschmacklos!" usw. Aber niemand hat bis dahin meine Fotos gesehen! Ganz besonders wird die Metzgerei angegriffen, die mich bei der Anfertigung der Fotos unterstützt hat. Es wird zum Boykott aufgerufen. Mir wird Tabubruch vorgeworfen. Ich frage dazu die Redaktion von Chrismon, die Zeitung der Evangelischen Kirche. Antwort: "Herr Herbrich, Sie haben die Redaktion mit Ihrer Weihnachtsgeschichte sehr erheitert, super lustig – NEIN, das ist kein Tabubruch!" In Bamberg wird in hohen Kirchenkreisen über Unterschriftenlisten diskutiert. Erste anonyme Briefe in der Metzgerei. Die  Bayerische Rundschau veröffentlicht auch Leserbriefe von mir und Ursula Lauterbach, Inhaberin der Metzgerei. Es nützt nichts.

Mittwoch: Von der Kanzel wird ganz offen gegen die Metzgerei Lauterbach gewettert und zum Boykott aufgerufen. Unterschriften-
listen werden ausgelegt. Die 
Bayerische Rundschau druckt Leserbriefe von mir und Ursula Lauterbach ab, die die Situation klären sollen. Zwecklos! Die Aufregung geht weiter. Die Metzgerei hängt meine Fotos auf. Mutige Leute! Jetzt sind die Bilder zum ersten Mal zu sehen. Ein Redakteur von RTL ruft mich an: "Ist der Skandal schon von nationalem Interesse?"

In einem Leserbrief wird bemängelt, dass in meiner Weihnachtsgeschichte die schwangere Maria Cabanossi und Josef Salami unverheiratet seien, das könne man schon am Namen erkennen.


Freitag: Wieder viele Leserbriefe, eine halbe Zeitungsseite. Anscheinend hat eine Kirchengemeinde Unterschriften gesammelt und einen Protestbrief verfasst. Die Bild-Zeitung ruft an, aber der gehen wir besser aus dem Weg. Die Kundschaft im Laden ist weitgehend solidarisch, aber es zeigt sich auch, wer Freund ist und wer Feind. Allerdings sind die Kulmbacher auf diese Metzgerei auch irgendwie angewiesen - sie gehört zu den besten in Deutschland. Wieder anonyme Briefe. Der Redakteur des auslösenden Artikels vom Samstag schreibt einen Kommentar. Die Angriffe auf die Metzgerei erreichen ihren Höhepunkt, Ursula Lauterbach wird auch persönlich beleidigt, aber ich bekomme von all dem wenig mit. Dabei bin ich der alleinige Verursacher.
 
Samstag: Es erscheint eine Karikatur über mich. Aber der ganze Spuk, dieser Sturm im Wasserglas, ist auf einmal vorbei! Warum? Ein Sexualskandal an der evangelischen Kader-
schmiede Rummelsberger Anstalten beherrscht die bayerischen Nachrichten. Da würden sich die Pfarrer lächerlich machen, wenn sie weiter gegen meine Wurstgeschichte anschrieben…


Wenn man heute die Weihnachtsgeschichte inszenieren will, kann man es kaum noch realistisch darstellen – das würde nur jene Bilder ergeben, die wir täglich in den Zeitungen sehen und schon gar nicht mehr wahrnehmen. Zugegeben, meine Version ist sicher ungewöhnlich, aber sie ist dennoch mit Liebe und Ernsthaftigkeit gemacht. Ich wollte niemandes religiöse Gefühle verletzen. Die lockere Großstadt-Sicht ist eben eine ganz andere als die traditionell religiöse Sicht der Kleinstadt.