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 30.03.2017

Kim Dionne, 46, sah den Einsatz als Chnace.  Foto: Sascha Pfläging

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Krieg und Vorurteil

Im Gespräch: Die US-Soldatinnen Connica Mc Fadden und Kim Dionne über ihre Einsätze in Irak und Afghanistan


    Frau Dionne, wann waren Sie zuletzt im Kriegseinsatz?

Ich war im Jahr 2005 zuerst in Afghanistan und anschließend bis April 2006 in Irak. Ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, in ein Krisengebiet geschickt zu werden, weil ich mich ein Jahr zuvor freiwillig dafür gemeldet hatte, aber nichts geschehen war. Ich war immer noch in Vollzeit in Maine stationiert. Aber plötzlich musste es ganz schnell gehen – innerhalb von drei Wochen sollte ich nach Afghanistan. Dabei war ich gerade dabei, meinen College-Abschluss nachzuholen. Es war also nicht gerade der richtige Zeitpunkt, aber ich sah es dennoch als Chance.

Inwiefern?

Ich hatte mich 1980 bei der Army gemeldet, um aus der Armut herauszukommen, um für meine Ausbildung zahlen zu können. Vor allem wollte ich aber auch aus diesem kleinen Staat, Maine, heraus. Ich wollte etwas von der Welt sehen. Und endlich war es soweit. Ich begriff es aber auch als Chance für mein Land einzutreten. 

Sahen das Ihre Freunde und Ihre Familie genauso?

Sie haben mich alle unterstützt, obwohl sie politisch liberal sind. Die Frauen und Männer aus meinem College wollten mehr wissen über den Krieg. Ich feierte eine Menge Abschiedspartys. 

Fanden es manche ungewöhnlich, dass eine Frau in den Krieg zieht?

Nein, überhaupt nicht. Seit Ausbruch des Irak-Kriegs im Jahr 2003 sind ja schon viele Frauen abberufen worden. 

Wie haben Sie sich gefühlt, als der Tag der Abreise schließlich da war?

Obwohl ich mich auf das Land gefreut habe, war ich wirklich deprimiert und traurig. Ich wusste, dass ich Maine am Ende doch vermissen würde. Immerhin sollte ich ein Jahr und einen Monat wegbleiben. Aber dann kam ich in Afghanistan an und es war großartig und wunderschön. Es war Frühling damals und der Hindukusch ragte empor mit seinen weiß bedeckten Gipfeln. Es war toll. 

Sie mussten anschließend in den Irak – wie war Ihr Eindruck dort?

Schrecklich. Obwohl es in Afghanistan auch nicht mehr so schön war, als der Schnee geschmolzen und das Land zum Vorschein kam, ohne Bäume, weil die Russen und die Taliban sie gefällt hatten. In Irak war es zwar wärmer und grüner, aber es war sehr nervenaufreibend, weil wir viel mehr Kontakt mit anderen Menschen hatten. 

Was genau war Ihr Job dort?

Ich war sowohl in Afghanistan als auch in Irak Karriereberaterin und habe mit Soldaten darüber gesprochen, ob sie bleiben oder sich wieder verpflichten wollen. 

Waren Sie auch in Kämpfe verwickelt?

Einmal richtete jemand in Afghanistan eine Waffe auf uns und es explodierten auch mal Sprengkörper gerade mal 300 Meter von mir entfernt. Ständig flogen in der Nacht um eins oder zwei Granaten über unsere Köpfe hinweg. Es war unheimlich. Wir mussten in der Dunkelheit zum Bunker rennen, durch den Wüstensturm. Man hat kaum etwas gesehen, aber wir mussten wirklich schnell sein und uns verstecken bis der Alarm vorüber war.  

Sie haben trotzdem weiter an Ihrem College-Abschluss gearbeitet...

Ja, ich habe an Kursen über eine Webcam der University of Maine teilgenommen. Eines Nachts ging währenddessen der Alarm los und meine College-Kollegen fragten irritiert, was das für ein Lärm sei. Ich verabschiedete mich schnell. Mit meinen Freundinnen habe ich ein Codewort ausgemacht. Wenn ich das sage, wissen Sie, was los ist und dass wir uns nächste Woche wieder hören. 

Haben Sie überhaupt jemals durchschlafen können?

Selten. Deshalb habe ich auch die College-Kurse um zwei Uhr morgens meiner Zeit belegt. Es herrscht ein andauernder Lärm in dem Camp: die Stromgeneratoren, Helikopter. Es fällt schwer, sich zu konzentrieren oder etwas zu lesen. Wir haben in der Nacht oft DVDs auf einem tragbaren DVD-Player angeschaut oder ferngesehen. Aufgrund der Zeitverschiebung kamen die guten Filme für uns gerade recht, nämlich in der Nacht. Ich war sehr müde morgens. Aber die Atmosphäre unter den Kolleginnen war gut. Wir haben viel gelacht, Pakete und Anrufe aus den USA bekommen. Überhaupt war das Camp wie eine kleine Stadt - mit Burger King, Popeyes und Pizza Hut. Aber kaum hat man es verlassen, sah man überall Armut. Besonders in Afghanistan. 

Wie viele Frauen waren in Ihrer Einheit?

Oh, eine ganze Menge, 35 etwa. 

Wie war der Umgang zwischen den männlichen und weiblichen Soldaten?

Ich persönlich hatte nie ein Problem, da ich älter bin und einen höheren Rang habe. Aber viele Männer haben vor allem nachts Frauen belästigt. Sie waren einsam. Jeder ist einsam da draußen. Es gab aber eine strikte Vorschrift: keine Berührungen, keine Küsse und so weiter. Doch junge, unsichere Soldatinnen konnten sich manchmal nicht richtig wehren. Und ihre Vorgesetzten haben das ausgenutzt. Einmal wurde ich auch Zeuge, wie ein Angestellter, ein Iraker, eine höherrangige Soldatin belästigt hat. Er wurde gefeuert. 

Gab es Frauen, die bei Ihnen Hilfe suchten?

Nein. Wissen Sie, ich bin Feministin, aber ich glaube trotzdem, dass einige der Frauen es genossen im Mittelpunkt zu stehen. Es ist ein Hin und Her zwischen den Geschlechtern. Ich spreche hier nicht von Vergewaltigung, das ist absolut inakzeptabel! Ich meine damit, dass bestimmte Verhaltensweisen zu unangemessenen Reaktionen führen können. 

Nach über einem Jahr kehrten Sie nach Hause zurück.

Es viel mir schwer, mich anzupassen. Ich hatte ein posttraumatisches Stresssyndrom. Meine Umwelt bewegte sich so schnell, ich hatte Probleme damit. Ich konnte in der Nacht nicht schlafen, hatte Albträume. Ich träumte, dass Bomben auf mein Haus fallen oder ich erschossen werde. Inzwischen ist es besser geworden. Ich habe Hilfe bekommen. 

Würden Sie trotzdem wieder in den Krieg ziehen?

Theoretisch könnte mich die Army wieder zum Einsatz rufen, da ich mich bis zum Jahr 2022 verpflichtet habe. Sollten sie das aber versuchen, werde ich „Nein“ sagen. Ich kann keine lauten Geräusche mehr ertragen. 


Interviews: Tanja Schwarzenbach


Tanja Schwarzenbach, geboren 1975, ist freie Redakteurin in München. Nach ihrem Studium der Amerikanischen Kulturgeschichte volontierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und war dort anschließend Redakteurin. Ihr Schwerpunkt ist amerikanische Kultur.



Nicht erschienen, weil

Die Interviews Hintergrundgespräche zu einem Artikel über US-Veteraninnen waren, anlässlich der Ausstellung "When Janey Comes Marching Home".


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Laura Browder, Dozentin an der Virginia Commonwealth University und Autorin von "Her Best Shot: Women and Guns in America" hat gemeinsam mit dem deutschen Fotografen Sascha Pfläging eine Ausstellung über US-Veteraninnen in Virginia initiiert: "When Janey Comes Marching Home". Browder sprach für die Ausstellung mit mehr als 40 US-Soldatinnen und Veteraninnen über ihre Erlebnisse während ihrer Einsätze in Irak und Afghanistan. "Fast alle haben im Gespräch geweint", erzählt sie. Browder schrieb die wichtigsten Passagen der Gespräche in einzelnen Protokollen nieder, die die Porträtfotografien der Ausstelllung begleiten.

"When Janey Comes Marching Home" ist noch bis zum 14. Dezember im Visual Arts Center in Richmond, Virginia, zu sehen:
http://visarts.org/

Ausschnitte der Interviews sind auch online anzuhören:
www.vqronline.org

Sascha Pfläging hat einige der Porträtfotos auf seiner Webseite veröffentlicht:
www.saschapflaeging.com