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 23.09.2017

Connica McFadden, 29, musste ihr Baby zurücklassen.  Foto: Sascha Pfläging

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Krieg und Vorurteil

Im Gespräch: Die US-Soldatinnen Connica Mc Fadden und Kim Dionne über ihre Einsätze bei der US Army in Irak und Afghanistan
   

    In Vietnam waren es noch 7500, im Zweiten Golfkrieg schon 41 000 und seit Beginn des Irak-Kriegs haben bereits 160 000 amerikanische Soldatinnen im Krieg gedient. Obwohl das US-Verteidigungsministerium offiziell untersagt, dass Frauen im Kampf an der Front eingesetzt werden, sieht die Realität anders aus. "Im Irak", sagt Laura Browder, Dozentin an der Virginia Commonwealth University und Autorin von "Her Best Shot: Women and Guns in America", "gibt es keine Front". Der Krieg sei überall. Zum ersten Mal sind Frauen jetzt Konvoi-Schützen und spüren Bomben auf, durchsuchen Häuser und erschießen den Feind. Sie machen das, was ihre männlichen Kollegen machen. Doch immer noch sind sie in der Minderheit und Vorurteilen ausgesetzt. 30 Prozent der US-Veteraninnen geben an, während ihres Einsatzes von ihren Kollegen und Vorgesetzten sexuell genötigt oder vergewaltigt worden zu sein. Bei ihrer Heimkehr leidet etwa ein Drittel der Soldatinnen an einem posttraumatischen Stresssyndrom - und dennoch sollen sie die Rolle einer Frau und Mutter ausfüllen.

Connica McFadden, 29, und Kim Dionne, 46, waren beide für die US Army in Irak. McFadden wollte nicht gehen und musste am Ende ihr sechs Monate altes Baby daheim zurücklassen. Dionne sah den Einsatz als Chance. Zwei Gespräche.


Frau McFadden, Sie haben sich 1998 bei der US Army gemeldet - warum?

Ich hatte gerade meinen Highschool-Abschluss gemacht, aber schon mein erstes Kind, Ramel. Ich wollte einen Job, um meinem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen.

Doch dann kam der Anruf. 

Ja, das war im Jahr 2003. Sie haben uns damals gesagt, dass erst mal nur eine Einheit in den Irak muss und ich wegen meines Babys nicht hingeschickt werde. Mein zweites Kind, Ayesha, war zu dem Zeitpunkt nämlich erst vier Monate alt. Aber 30 Tage später riefen sie bei mir und meinem Mann an und teilten uns mit, dass wir in den Irak müssen, sobald unsere Tochter sechs Monate alt ist. Ich habe damals noch gestillt, doch das war der Army nicht so wichtig wie der Krieg. Wir sollten unseren Sohn und unsere Tochter einfach daheim zurücklassen! Kurze Zeit später befanden wir uns auf den Weg in den Irak.

Das Militär hat Sie und Ihren Mann gleichzeitig abberufen?

Ja, ich war unglaublich traurig. Und sauer. Ich habe mich bei der US Army beschwert, weil sie uns zusammen einzogen. Ich habe mich von meinem Arbeitgeber im Stich gelassen gefühlt. Das Ganze eskalierte, aber am Ende musste ich natürlich trotzdem gehen. Es gibt Regeln: Wenn ein Kind sechs Monate alt ist, darf die Mutter zum Einsatz gerufen werden. Ich war deprimiert, weil ich meine Tochter und meinen Sohn allein lassen musste.

Wie hat Ihre Familie darauf reagiert?

Sie war geschockt und konnte nicht glauben, dass mich die Army von meinem Baby wegreißt. Und sie machten sich natürlich Gedanken, was aus Ayesha und Ramel werden würde, wenn wir es nicht zurückschaffen. Wir haben die Kinder schließlich zu ihren Pateneltern gegeben.

Im März kamen Sie in Irak an...

Ich hatte wahnsinnige Angst. Ich fühlte mich nicht gut genug ausgebildet für den Einsatz, wusste nichts über das Land und betete die ganze Zeit. Der Transporter, der eigentlich nur zwei Stunden benötigt hätte, um uns zu unserer Militärbasis zu bringen, hat 18 Stunden für die Strecke gebraucht, weil es so gefährlich war. Wir waren eine der ersten Einheiten in Irak, stationiert in Camp Cedar im Süden des Landes, und sollten ein Öl-Verteilungs-System einrichten für die United Armed Forces.

Wie kann man sich das Camp vorstellen?

Wir hatten absolut nichts. Wir lebten in Zelten, hatten keine Dusche, keine Toiletten. Wir gruben Löcher und verbrannten die Exkremente. Sie haben uns einfach im Nichts abgesetzt. Die sanitären Verhältnisse waren eine Katastrophe. Die Frauen schnitten sich die Haare ab, weil sie sie nicht waschen konnten. Das Wasser, das es zu trinken gab, war heiß. Auch daran musste man sich erst einmal gewöhnen. Anfangs bekamen wir drei Mal am Tag kalte Fertigmahlzeiten. Es war furchtbar. Ich weiß nicht, wie ich das ausgehalten habe.

Haben Sie auch feindliche Angriffe erlebt?

Ja, einmal fuhr ich einen Transporter und wir gerieten in einen Schusswechsel. Gott sei Dank ist nichts passiert. Wir haben brennende Fahrzeuge, brennende Körper und Leichen auf den Straßen gesehen. Bei meinem zweiten Einsatz in Irak im Jahr 2005 bekam ich nichts dergleichen zu Gesicht. Aber das erste Mal war auch genug.

Ihr Mann war in der selben Einheit – hat Ihnen das geholfen?

Er hat mich ermutigt, stark zu sein und das Ganze durchzustehen. Doch es war noch eine Frau mit ihrem Ehemann in unserer Einheit. Als ihr Mann umkam, wurde ich nach Kuwait geschickt und verbrachte dort den Rest der acht Monate.

Wie viele Frauen waren in Ihrer Einheit?

Wir waren beim ersten Einsatz 14.

Wie kamen Sie mit Ihren männlichen Kollegen zurecht?

Beim ersten Einsatz spielte es keine Rolle, ob Mann oder Frau. Wir taten, was gemacht werden musste. Wie hatten keine Scham, es gab keine Umkleiden. Bei meinem zweiten Einsatz hatten wir dann schon eigene Zimmer und Duschen. Wir waren nur drei Frauen. Ich hatte eine harte Zeit mit einigen der Männer, weil sie keine Anweisungen einer Frau entgegen nehmen wollten. Doch nach einer Weile merkten sie, dass ich fähig war und wusste, was ich tat. Von da an lief es besser.

Wissen Sie von Frauen, die von Kollegen sexuell belästigt wurden?

Ich selbst wurde nicht belästigt, aber ich weiß es von anderen Soldatinnen, ja. Ich bin eine selbstbewusste, starke Frau. Ich glaube, die Männer merken, dass sie so nicht mit mir umgehen können.

Sie sind Soldatin, aber auch Mutter. Wie sind Sie damit zurecht gekommen?

Es war schwierig. Wir durften nur ein Mal im Monat telefonieren. Ich habe dann immer Ramel angerufen. Als wir endlich Post verschicken konnten, habe ich ihm Bilder gemalt und Postkarten geschrieben.

Nach acht Monaten kehrten Sie beide endlich wieder heim...

Ich war so glücklich, meine Kinder wiederzusehen! Aber meine Tochter erkannte uns nicht mehr. Das hat mir das Herz gebrochen. Wir haben sie dann erst mal bei den Pateneltern gelassen und sind jedes Wochenende zu ihr gefahren, damit sie sich wieder an uns gewöhnen konnte. Die Fahrt dauerte 2,5 Stunden. Zwei oder drei Monate später haben wir sie nach Hause geholt.

Sie haben erwähnt, dass Sie im Jahr 2005 erneut in den Irak mussten. Wurde Ihr Mann wieder zur gleichen Zeit zum Einsatz geschickt ?

Nein, nur ich. Mein Mann konnte daheim bleiben und auf die Kinder aufpassen. Ich blieb ein Jahr fort, aber ich glaube, meine Tochter erinnerte sich an mich, als ich zurückkam. Beim zweiten Mal war es wesentlich einfacher.

Viele Soldatinnen leiden nach ihrer Rückkehr an einem posttraumatischen Stresssyndrom. Hatten Sie auch Probleme damit?

Hatte ich, ja, aber ich bekam Hilfe. Der Krieg ist immer noch in meinem Kopf und wenn ich daran denke, gerate ich außer mir. Aber es ist nicht mehr so schlimm wie nach dem ersten Einsatz.

Wenn Sie die Wahl hätten, würden Sie wieder in den Irak gehen?

Ja, würde ich, weil sie da drüben starke Frauen brauchen. Eine, die den anderen Frauen sagt, dass sie es schaffen können.



Nicht erschienen, weil

Die Interviews Hintergrundgespräche zu einem Artikel über US-Veteraninnen waren, anlässlich der Ausstellung "When Janey Comes Marching Home".


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Laura Browder, Dozentin an der Virginia Commonwealth University und Autorin von "Her Best Shot: Women and Guns in America" hat gemeinsam mit dem deutschen Fotografen Sascha Pfläging eine Ausstellung über US-Veteraninnen in Virginia initiiert: "When Janey Comes Marching Home". Browder sprach für die Ausstellung mit mehr als 40 US-Soldatinnen und Veteraninnen über ihre Erlebnisse während ihrer Einsätze in Irak und Afghanistan. "Fast alle haben im Gespräch geweint", erzählt sie. Browder schrieb die wichtigsten Passagen der Gespräche in einzelnen Protokollen nieder, die die Porträtfotografien der Ausstelllung begleiten.

"When Janey Comes Marching Home" ist noch bis zum 14. Dezember im Visual Arts Center in Richmond, Virginia, zu sehen:
http://visarts.org/

Ausschnitte der Interviews sind auch online anzuhören:
www.vqronline.org

Sascha Pfläging hat einige der Porträtfotos auf seiner Webseite veröffentlicht:
www.saschapflaeging.com