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 23.09.2017

Tag des Donners und des Siegs.  Foto: iStockphoto.com/Kativ

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Beste Zeit

Von Ansgar Siemens

Schumi hat es vorgemacht - er war deutscher Kartmeister. Der Nachwuchs will deshalb nur eins: so gut sein wie der schnellste Rennfahrer der Welt.

   
    Sekunden, bevor es ernst wird, beugt sich Klaus Valier, der Vater, Deutscher Vizemeister im Kartfahren, runter, legt die Hand beinahe sanft auf den rechten Hinterreifen des kleinen Rennwagens und flüstert. Am Steuer: Manuel, 12 Jahre. Apathisch blickt er durch das Visier seines blank geputzten Helms, die rechte Hand am Lenkrad, die linke am Zündknopf, die Füße regungslos auf Gas und Bremse. Ein letztes Mal wischt er mit der rechten Hand die Regentropfen von seinem Sichtfenster, kontrolliert mit beiden Händen die Halskrause. Ein kurzes Nicken für die Worte des Vaters, kein Blick. Den Ruf „Und los!“ hört Manuel schneller als seine fünf Konkurrenten, die in Zweierreihen an der Startlinie stehen, fast alle hinter ihm. Kaum wahrnehmbar drückt er den Startknopf, der Motor heult auf, wie ein Pfeil schießt der Rennwagen über die Startlinie. Im nächsten Augenblick hat er bereits die erste Kurve passiert.

Jetzt, am Sonntagnachmittag, beim Clubrennen der Nachwuchsklasse des Kartclubs München, im Fachjargon „Bambini B“ genannt, muss sich zeigen, ob sich die Mühen des Wochenendes gelohnt haben. Auf diese zehn Minuten des Rennens hat Manuel mit seinem Vater seit Samstagfrüh hingearbeitet, als Team, wie eine verschworene Männergemeinschaft, konsequent, diszipliniert. An der Kartbahn in Garching-Hochbrück haben beide ihren weißen Anhänger, groß wie eine Kirmesbude, abgestellt. Herausgehoben haben sie das Rennkart mit dem Schriftzug „Manuel Valier“, umrandet mit den Deutschland-Farben. Das Rennkart – der ständige Begleiter der Familie, 10 PS stark, 90 Kilometer pro Stunde schnell, mit Fahrer 107 Kilogramm schwer. Klaus Valier hat die Bremsen geschmiert, unzählige Male die Schrauben nachgezogen, die stürmischen Schauer verflucht. Aber Regen – Regen zählt nicht als Ausrede, wenn man hoch hinaus will. Und Manuel Valier will ganz nach oben.

„So wie Schumi zu werden, das ist schon mein Traum“, sagt Manuel am Samstagmorgen. Er ist ganz entspannt, steht unter dem ausziehbaren Dach des Anhängers, die Arme vor der Brust verschränkt, die rote Schirmmütze locker in die Stirn gezogen. Vater Klaus hockt vor dem nagelneuen Reifensatz, den er an das Kart anbringen will, und blickt überrascht auf: „Naja, das müssen wir abwarten, wie Schumi wollen viele sein.“ Manuel lacht freundlich, aber ernst meint er es doch. Dunkle Wolken hatten den Regen schon erahnen lassen - jetzt prasselt es herunter, zum Leidwesen des Vaters. Denn der Regen bedeutet: ein anderer Reifensatz. „Bei Nässe zu fahren, ist nicht so schön“, kommentiert er das schlechte Wetter. Manuel sagt nur „Geil, eehh“ und wippt von einem Fuß auf den anderen, die Arme noch immer verschränkt - seine Lieblingsgeste.

Regen, Regen, Regen - an diesem Samstag fährt Manuel keine Trainingsrunden mehr. „Der Motor geht kaputt vom vielen Wasser“, sagt Vater Klaus. Das wäre das Clubrennen nicht wert. Das Wichtigere für Manuel ist der ADAC-Kart-Cup, Bambini B für zehn- bis 14-Jährige, Region Süd. Lizenzrennen. Acht gibt es davon pro Saison, in Ampfing etwa und in Wackersdorf. Manuel ist in diesem Jahr für den Bundesendlauf qualifiziert. Bambini B ist der Nachwuchs im Autorennsport. Wer später die Chance auf eine Rennkarriere haben will, muss hier herausragen. Bei Lizenzrennen wird auch mal beim Training der Motor verheizt, wenn es sein muss. Auch wenn es Geld kostet. Überhaupt Geld.  25 000 Euro kostet die Valiers der Rennsport – pro Jahr. „Das muss man erstmal verdienen“, sagt Klaus Valier, der einen Outletstore für Sporttextilien leitet. In höheren Klassen kostet der Sport bis zu 100 000 Euro. „Das geht nur mit Sponsoren.“ Und die machen sich rar in Zeiten der Flaute.

Ein Grund, warum viele Nachwuchsschumis ihre Hoffnungen schon früh begraben müssen. „Der Boom im Kartsport, den Michael Schumacher mit seinem Formel-1-Sieg 1995 ausgelöst hat, verebbt langsam“, sagt Klaus Valier. Aber die Jungs, die trotzdem dranbleiben, kämpfen um so verbissener. Wie Manuel Valier. Wer später Formel 1 fahren will, kommt aus dem Kartsport. Eine ungeschriebene Regel – seit Michael Schumacher 1987 Deutscher Kartmeister wurde. Schumi, der seit Jahren schnellste Rennfahrer der Welt, ist das Maß aller Dinge. Wenn er abtritt, kommt vielleicht irgendwann Manuel Valier.

Sonntagmorgen, der Tag des Clubrennens. Klaus Valier ist mit seinem Sohn bereits seit kurz vor Neun an der Rennbahn. Es regnet. Wieder. Die ersten Trainingsfahrer brettern über die fast einen Kilometer lange Strecke und machen Lärm wie ein Bienenschwarm in tausendfacher Dezibelverstärkung. Der säuerlich beißende Geruch von Abgasen durchzieht die Luft, wie ein Schleier liegt der Schadstofffilm über den Zelten und Wagen auf dem Clubparkplatz, in denen Väter Werkstätten für die Rennautos ihrer Jungs eingerichtet haben. Klaus Valier, blaue Jacke, braune Haare mit grauen Strähnen an den Seiten, ist aufgeregt, vielleicht auch, weil „die Angst bei jedem Rennen mitfährt“. Mit dem Imbusschlüssel zieht er eine Schraube am Reifen fest. „Ich habe ein ganz gutes Gefühl“, nuschelt er. Ein anderer Vater kommt vorbei, will sich einen Mechaniker-Tipp holen. Klaus Valier gibt ihn, freundlich wie er ist. „Mache ich bei Lizenzrennen nicht“, sagt er und beugt sich schon wieder hinunter. In diesem Moment kommt Manuel aus der Clubgaststätte, die Hände vor der Brust verschränkt. „Ich bin schon einmal gefahren, beste Zeit“, sagt er und strahlt über das ganze Gesicht. Er setzt sich auf seinen Campingstuhl und schaut seinem Vater genüsslich beim Schrauben zu.

Woher diese Coolness? Vom Vater? Vielleicht. Klaus Valier war von 1979 bis 1984, wie heute fast jedes Wochenende, auf der Kartbahn, fuhr gegen die Schumibrüder, hat Ralf sogar mal eine Ohrfeige verpasst, als der ihm beim Rennen hinten reinfuhr. Aber irgendwann, sagt Klaus, sei „der Biss raus“ gewesen. Klaus Valier ist bedächtig, kein Vater, der seinen Sohn auf die Kartbahn zwingt. Seit sieben Jahren fährt Manuel Kart, seit drei Jahren ist sein Vater fast jedes Wochenende auf Tour mit ihm. Als er fünf war, hat Manuel zum ersten Mal ein kleines Rennauto bestiegen und kräftig Gas gegeben. Zum achten Geburtstag bekam er sein erstes Kart geschenkt. „Ich erkenne mich selbst in Manuel wieder“, sagt sein Vater. Und opfert gern seine Wochenenden, auch wenn er am Montag regelmäßig "hundemüde" sei.

Fahrerbesprechung am Sonntag um elf Uhr, kurz bevor das Zeitfahren startet, das Manuel mit fünf Zehntelsekunden Vorsprung gewinnen wird. Manuel frotzelt: „Bei dem Regen kann ich mir ja gleich Schwimmflügel anziehen“. Ein halbes Dutzend Väter steht im Kreis mit ihren Söhnen, nur einer fehlt, der Rennleiter. „Der hat gestern abend zu viel gefeiert“, posaunt ein Vater hinaus. Ein Raunen geht durch die Runde.

Man mag das hier offenbar nicht:  zu spät kommen, feiern. Wer Kart fährt und Ambitionen hat, der feiert nicht. Wann denn auch? Mit Verzögerung kommt Hans Prem, der Rennleiter („Prem, mit starkem B“), schließlich doch, erläutert die Fahnen, die beim Rennen geschwungen werden sollen und fragt, ob die Bambinis alle Fahnen kennen. Manuel reckt seinen Zeigefinger bei jeder Frage kerzengerade in die Luft. Wie ein Musterschüler. Prem sagt später, der Manuel sei „nie aufmüpfig, nie aggressiv“, der könne mal ein „Großer“ werden.

Nach der Zieleinfahrt. Nass von Schweiß und Regen zieht Manuel den Helm über sein Gesicht, kein Lächeln, nur ein tiefes Durchatmen. Zum ersten Mal in diesen zwei Tagen streicht Vater Klaus seinem Sohn über den Kopf, sagt „war doch okay“ und hievt das Kart auf den Fahrträger. Schüchtern reckt Manuel seine Hand aus, den Gratulanten entgegen, den anderen Vätern, die sich um ihn scharen. Um danach ganz schnell die Arme wieder vor der Brust zu verschränken. Souverän hat Manuel das Rennen dominiert, vom Start in der Pole-Position bis zum Ziel keinen Konkurrenten an sich vorbei fahren lassen. „Ich bin zufrieden“, sagt er nur.

Eine Woche später wird alles wieder von vorn losgehen. Training am Samstag, Rennen am Sonntag. Er wird sich wieder runterbeugen, Sekunden, bevor es ernst wird, Klaus Valier, der Vater, er wird die Hand sanft auf den rechten Hinterreifen legen und flüstern. Bis Manuel Gas gibt und in zehn Minuten für ein gelungenes Wochenende fährt, für seinen Vater, für seinen Traum. In Kerpen, der Heimat von Michael Schumacher.


Ansgar Siemens, geboren 1978, ist Redakteur bei Focus Online. Nach seinem Studium der Volkswirtschaft und Geschichte volontierte er bei Focus Money. Seine Schwerpunkte sind Börse und Konjunktur.



Nicht erschienen, weil

Der Text für eine Journalistenschule erstellt wurde. 


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