Heute:
 23.04.2017
Foto Rebiya Kadeet
Kämpft gegen die Ungerechtigkeit: Rebiya Kadeer.  Fotos: ©Mathias Ziegler, c/o Agentur Neubauer und Springer GbR

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"Die Chinesen wollen uns ausrotten"

Im Gespräch: Rebiya Kadeer, uigurische Menschenrechtsaktivistin. 

    Einst war sie die reichste Frau Chinas, saß sogar im Volkskongress. Jetzt wird Rebiya Kadeer, Chinas bekannteste Menschenrechtsaktivistin, von der Provinzregierung Xinjiangs beschuldigt, die gegenwärtigen Unruhen in Urumqi aus ihrem Exil in Washington angezettelt zu haben – was sie deutlich zurückweist. Im Interview berichtet sie über sechs Jahre chinesisches Gefängnis und die Machenschaften ihrer ehemaligen Genossen.
   

Was hat Sie dazu gebracht, sich schon vor vielen Jahren mit so viel Mut gegen die chinesische Regierung zu stellen?

Ich habe mich schon mein ganzes Leben lang unterdrückt gefühlt, meine Kindheit und Jugend war davon geprägt. Das ging schon damit los, dass an sowas wie eine Jugendliebe damals nicht zu denken war – und auch heute nicht ist. Jahrelang habe ich darauf gewartet, dass sich jemand aus unseren Reihen für unsere Rechte einsetzt. Diese Aufgabe habe ich irgendwann selbst übernommen, weil ich merkte, dass sonst nichts passieren würde, ich aber Freiheit und Gerechtigkeit für mein Volk wollte. Also habe ich versucht, reich zu werden, um etwas tun zu können.

Was werfen Sie den Machthabern vor?

Ihre Absicht, uns zu assimilieren, uns die Identität zu nehmen, die uigurische Sprache, die uigurische Kultur. Geburten werden kontrolliert, wir können nicht ins Ausland reisen, weil wir gar keine Pässe haben. Die Uiguren sind außerdem sehr arm, da sie nur sehr schwer Arbeit finden. Die Privilegien, etwa in den vielen neuen Hochhäusern zu leben, genießen nur die chinesischen Einwanderer. Unsere Kinder hingegen werden im inneren China in die Armee  gesteckt oder als Arbeitssklaven verschleppt. Alle, die sich gegen die chinesische Regierung stellen, kommen ins Gefängnis. Bezeichnend ist, dass es die Todesstrafe für politische Häftlinge nur in Ostturkestan gibt, wo die Uiguren leben. Die Chinesen wollen uns ausrotten.

Diese Missstände waren lange Zeit nicht bekannt...

Früher hat sich tatsächlich niemand für uns interessiert, wollte niemand etwas mit uns zu tun haben. Doch seit einiger Zeit wird die Stimme der Uiguren immer lauter, viele Leute berichten darüber. Es ist wichtig, dass diese Ungerechtigkeiten an die Weltöffentlichkeit gelangen: dass Menschen mit Panzern getötet und Häuser vernichtet werden. Dass zum Tode Verurteilte in Lastwagen zur Schau gestellt werden. Sie werden vor den Augen ihrer Mütter, Geschwister, Verwandten hingerichtet – die dabei keine Regung zeigen dürfen, da sie sonst auch umgebracht werden. Außerdem transportieren die chinesischen Machthaber unverheiratete Mädchen von Ostturkestan nach China – innerhalb eines Jahres 240 000 Frauen und Mädchen. Offiziell sind sie Arbeiterinnen, doch die hübschen landen in Bars, die anderen werden Arbeitssklaven. Dabei gibt es in unserer Heimat viele Jobs, wir haben Bodenschätze und Fabriken. Doch dort arbeiten nur chinesische Einwanderer.

Was bedeutet der große chinesische Boom für die Uiguren?

Ihre Situation wird noch schlechter werden. Denn die, die vom Boom profitieren, sind die Funktionäre des Systems. Somit wird die Kluft zwischen ihnen und dem Volk immer größer. Das ist nicht nur eine Gefahr für das eigene Volk, sondern für den Weltfrieden: Die Regierung steckt das gesamte Geld in Waffen und das Militär. In Europa ist das ganz anders. Wenn die Wirtschaft boomt, haben alle etwas davon.

Sie leben im Exil. Vermissen Sie Ihre Heimat?

Sehr. Wenn ich könnte, würde ich sofort nach Hause zurückgehen. Aber ich fühle mich wohl in den USA. Hier bin ich frei, kann über mein Volk sprechen und etwas bewegen. Trotzdem habe ich natürlich die große Hoffnung, eines Tages nach Hause zurückkehren zu können.

Haben Sie Angst?

Nein. Denn ich war mir immer schon der Gefahr bewusst, der ich mich aussetze. Ich bewege mich jetzt in demokratischen Ländern. Alles, was mir Angst machen würde, habe ich bereits erlebt. 

Sie waren sechs Jahre im Gefängnis - wie haben Sie diese Zeit durchgestanden?

Was mich am Leben gehalten hat? Ich habe mir klar gemacht, wie sehr sich die Gefängniswärter überwinden mussten, mich zu beschimpfen, mich zu schlagen, mich zutiefst zu erniedrigen. So hatte ich keine Angst vor ihnen und damit ihren Erwartungen widersprochen. Das war meine Form der Macht, das gab mir Kraft. Ich wollte noch mehr für mein Volk erreichen.

Nun sind zwei ihrer Söhne inhaftiert.

Und auch drei meiner anderen Kinder werden dauernd beschattet. Es ist eine große Schande für den Staat. Ich bin es, die gegen das System kämpft, nicht meine Kinder. Die chinesischen Machthaber haben sie als Geiseln genommen. 

Wie kann man sich für Sie und die Uiguren einsetzen?

Das Wichtigste ist, darauf aufmerksam zu machen - an Parlamente und Abgeordnete zu schreiben, aber auch an deutsche Zeitungen und Zeitschriften. Denn nur die Macht der Medien kann etwas bewegen. Die chinesische Regierung hat große Angst davor, dass die Vorfälle im Westen publik werden.


Interview: Susanne Pahler

Susanne Pahler, geboren 1977, ist freie Redakteurin in München. Nach ihrem Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft volontierte sie bei der Zeitschrift Freundin und war dort anschließend Redakteurin. Ihre Schwerpunkte sind Kultur, Reise und Psychologie. Weitere Textproben auf ihrer Homepage www.texthandlung.com.

 


Nicht erschienen, weil

Es im Heft keinen Platz gab und der Friedensnobelpreis 2007 nicht an Rebiya Kadeer ging, sondern an den ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore. 

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Das Interview fand im Sommer 2007 in München statt, als die heute 61-jährige Rebiya Kadeer ihre Autobiografie „Die Himmels-
stürmerin“ (Heyne) vorstellte.


Zu den
Uiguren:
Das muslimische Turk-Volk der Uiguren mit rund 10 Millionen Menschen lebt vornehmlich in Xinjiang im Westen Chinas, nördlich von Tibet. 1949 besetzte die chinesische Regierung die Region, die reich an Bodenschätzen ist, und siedelte dort Han-Chinesen und Industrie an, um „unsere Kultur und Identität, vielleicht sogar unser Volk auszurotten“, sagt Rebiya Kadeer. Heute stellen die Uiguren nur noch rund 45 Prozent der Bevölkerung dar.
Seitdem kämpfen sie für ihre Rechte und gegen die Unterdrückung, die den Zuständen in Tibet ähneln. Nach dem 11. September 2001 wurden verschiedene Gruppen vom Staat zu terroristischen Vereinigungen erklärt, zuvor Regimekritiker für zahlreiche Anschläge verantwortlich gemacht. Amnesty International spricht von schweren Menschenrechtsverletzungen. Laut der Organisation wurden seit Mitte der 1990er Jahre mehr als 3000 Uiguren verhaftet, mehr als 200 hingerichtet.

Zu
Rebiya Kadeer:
Rebiya Kadeer war zwischen 1999 und 2005 wegen Geheimnisverrats und angeblicher Gefährdung der Staatsicherheit teilweise in Isolationshaft, nachdem sie als reichste Frau Chinas ihren Einfluss nutzen wollte, um auf die Lage der Minderheit hinzuweisen. Inzwischen wurde sie drei Mal für den Friedensnobelpreis nominiert und ist Vorsitzende des Uigurischen Weltkongresses. Die Mutter von elf Kindern lebt im Exil in Washington.

www.uyghurcongress.org