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 24.11.2017

Welches ist das passende Verb zu "bewölkt?" Na, wissen Sie's?  Foto: pixelio/knipseline

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Eins, zwei oder drei?

Von Karoline Amon

Lerndruck in der vierten Klasse - zwei bayerische Mütter haben pragmatisch gedacht. Sie sind nun Unternehmerinnen. Und ihre "Probenbücher 4. Klasse" ein Geheimtipp.   


    Kinder werde sie keine mehr bekommen, sagt die Mutter des neunjährigen Lukas aus München-Denning, „den Trubel mit dem Übertritt stehe ich nicht noch einmal durch.“

Eltern bayerischer Grundschüler sind im Stress - im Prüfungsstress. Liegt der Notendurchschnitt ihrer Kinder in der 4. Klasse über 2,33, bleibt der Übertritt aufs Gymnasium freistaatlich verwehrt, die Realschule nimmt nur Schüler bis zu einem Schnitt von 2,66. Ansonsten heißt es: ab in die Hauptschule. Vom Beginn der vierten Klasse im September bis zum Übertrittszeugnis im Mai dreht sich in den Köpfen bayerischer Eltern alles um die magische Durchschnittsnote Zwei in den Kernfächern Deutsch, Mathe und Heimat- und Sachunterricht (HSU). Nach dem Denkmodell ehrgeiziger Eltern bedeutet jede Drei einen Schritt Richtung Real - oder Hauptschule, dem Abgrund entgegen, der so aussieht: Kein Gymnasium bedeutet kein Abitur, kein Studium, keine gesellschaftliche Anerkennung. Die Drei - ein soziales Fiasko für Akademiker-Eltern, deren Familien oft über mehrere Generationen lückenlos das Abitur vorweisen können.

Wozu also in der vierten Klasse mit dem Klassenlehrer über pädagogisch wertvollen Unterricht debattieren, wenn doch nur die Zahl hinterm Komma entscheidet?

In Bayern gehen die Eltern mit ihrem Nachwuchs auf der Zielgeraden zum Gymnasium einen eher umsichtigen Weg. Es gilt, möglichst viele Klassenarbeiten, in Bayern Proben genannt, anderer bayerischer Grundschulen zu beschaffen und mit ihren Kindern daheim zu büffeln.

Miriam Reichel und Mandana Mandel aus München sind erfahrene Jägerinnen. Zu Hause füllen sich mehrere Ordner mit Original-Proben, zusammengetragen von Freunden, Freunden von Freunden und Bekannten - alle mit Kindern, die die 4. Klasse schon hinter sich haben. Ihre beiden älteren Sprösslinge haben den Übertritt auf das Gymnasium vor drei Jahren geschafft. Dieses Jahr sind Reichels Sohn und Mandels Tochter Übertrittskandidaten. Das erneute Fahnden nach frischem Prüfungsmaterial brachte die beiden Mütter auf eine Geschäftsidee: ihre Beute anderen Grundschülern als Prüfungsvorbereitung gegen Gebühr zur Verfügung zu stellen. Seit vergangenem Herbst können Eltern das „Probenbuch 4. Klasse“ mit Musterlösungen jeweils für Deutsch, Mathematik und HSU in bayerischen Buchhandlungen kaufen oder über die dazu gehörige Internetseite „Schulproben-Bayern.de“ bestellen.

Begonnen haben Reichel und Mandel mit HSU, dem Fach mit dem größten Mangel an Prüfungsmaterial. Nur vier Proben gibt es darin in der vierten Klasse, verteilt übers ganze Schuljahr. Aus acht Themen, die der bayerische Lehrplan vorgibt, können sich alle bayerischen Grundschullehrer vier als Prüfungsstoff aussuchen. Fakten zu WasserkreislaufRecycling oder Leben am Teich pauken also Grundschüler von der Oberpfalz bis ins Voralpenland.

„Theoretisch brauchen die Schüler nur unser Probenbuch zur Vorbereitung. In der Stoffsammlung stehen alle Informationen drin, die man zur Bearbeitung der Proben braucht“. Ein ganzes Jahr Unterricht in HSU, komprimiert auf rund 50 gebundene Blätter, beidseitig bedruckt - ein Misstrauensvotum gegen das bayerische Schulsystem, das die Schüler, klagt Reichel, „mit schwierigen Prüfungsfragen regelmäßig ins Schleudern bringt“. Am besten sei es deshalb, die Kinder würden die Fragen und Lösungen auswendig lernen. In der Probe, das zeigt die Erfahrung von Mutter Reichel, „können sie sicher sein, dass der Lehrer eine ähnliche Frageidee formuliert“ – zum Beispiel einen Lückentext zur Stadtgründung vorlegt oder die Beschreibung des Stadtwappens fordert. Im Fach Deutsch hingegen geht es um Satzglieder, Wortarten und Wortfamilien. Bei bayerischen Lehrern besonders beliebt sind knifflige Verb-Kreationen zu Namenwörtern oder Adjektiven. „Finde das passende Verb zu bewölkt!“ ist einem Pädagogen eingefallen. Antwort: sich bewölken.

Wochenlang brüten die beiden Mütter über der Bearbeitung des Prüfungsmaterials. Kaum haben die Kinder und der Ehemann morgens das Haus verlassen, geht Miriam Reichel an ihren Schreibtisch, Mandana Mandel schiebt das Projekt noch zwischen ihrem Halbtagsjob bei einer Bank und dem Abendessen ein. „Die größte Arbeit war das Abändern der Fragen“. Miriam Reichel, studierte Juristin, kennt sich aus mit dem Urheberrecht. „Würden wir die Original-Proben veröffentlichen, könnten uns die Lehrer als Urheber theoretisch verklagen.“

Deshalb wird bei einer Mathe-Textaufgabe im „Probenbuch“ eben nicht die Originalgröße einer Kirche, sondern stattdessen die eines Straßenschildes, Autos oder Hauses berechnet, in Deutsch statt dem Verb „laufen“, das Verb „gehen“ konjugiert. Die abgeänderten Original-Fragen versehen Mandel und Reichel mit einem eigenen Copyright.

Sammlung, Bearbeitung, Lektorat. Die ersten Standardstationen einer Buchbearbeitung werden von den Autorinnen selbst organisiert. Als Lektoren fungieren die eigene Familie, Freunde und die Sekretärin von Mandels Ehemann, der sich selbst auch für das Buch engagiert und in seiner Freizeit ein übersichtliches und trotzdem Platz sparendes Layout austüftelt. Um Grafik und Illustration kümmert sich Reichels Ehemann. An Wochenenden zeichnet der Hobbymaler etwa ein Pferd, das über den Bleistift springt, („Du schaffst den Sprung“) und ergänzt die nüchternen Fragen auf manchen Seiten mit einem lachenden Männchen am unteren Seitenrand. Der Verzicht auf eine aufwändige Grafik spart nicht nur Papier- und Druckkosten. Die beiden Autorinnen sind davon überzeugt, dass das realistische Nachstellen der nüchternen Prüfungssituation die Angst der Kinder vor dem Ernstfall abbauen hilft. So kommen liebenswerte Identifikationsfiguren wie Kater Carlo und sein Hund Confetti, die andere Verlage gerne verwenden, in den Probenbüchern nicht vor. Denn, sagt Reichel, bei den Proben gebe es auch keine bunten Bilder mehr.

Auch beim Vertrieb gehen die Mütter mit ihrer neu gegründeten GbR einen anderen Weg als die Verlagskonkurrenz. Sie kamen mit einem Copyshop im nahe gelegenen Münchner Univiertel ins Geschäft. 50.000 Seiten, macht 500 Probenbücher mit einem schlichten Karton als Cover: Rot für Mathe,Blau für Deutsch und Grün für HSU.

Mit den Probenbüchern treffen die beiden Mütter bei den Eltern offenbar ins Schwarze. Kaum war die Internetseite fertig gestellt, gingen schon die ersten Bestellungen ein. Und auch Münchner Buchhandlungen forderten bereits nach wenigen Tagen weitere Exemplare an.

Inzwischen verkaufen 26 Buchläden in ganz Bayern die Probenbücher. Die Unternehmerinnen würden gerne mehr als nur ein Drittel über die Internetseite verkaufen, denn vier Euro der 16 Euro Verkaufspreis behalten die Händler ein. Wie groß der Gewinn ist? Mandana Mandel sagt dazu nur so viel: „Wenn wir es schaffen, 10.000 Stück im Jahr zu verkaufen, könnten wir unsere Wohnungsmiete finanzieren“.

Während die Probenbücher von Probenmüttern auf der Internetseite als „Geheimtipp“ gefeiert werden, hüllt sich das Schul-Establishment in eisernes Schweigen. Kein Kommentar von Lehrern, Rektoren oder vom Kultusministerium.

Längst stapeln sich bei den beiden Müttern daheim die fertigen Päckchen der Einzelbestellungen und die Kisten für die Buchhändler. Rechnungen schreiben, Bücher verpacken und zur Post bringen. Und dabei eins bloß nicht vergessen: Das Pauken mit den eigenen Kindern!


Karoline Amon, geboren 1966, studierte Geschichte und Politische Wissenschaften. Nach ihrem Studium arbeitete sie als feste Freie beim Bayerischen Fernsehen und schreibt heute gelegentlich für sueddeutsche.de, brand eins und Euro am Sonntag.

 


Nicht erschienen, weil

Der Redaktion der in Auftrag gegebene Text doch zu politisch war. 

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Was ein Grundschüler in der vierten Klasse wissen muss? Testen Sie sich selbst. Sechs Beispiel-
fragen aus dem "Probenbuch 4. Klasse": 

 

1. Warum brauchen wir Stadträte und was erwarten wir von ihnen?

2. Der Bürgermeister aus Schwindelhausen verkündet, dass seine Gemeinde im letzten Jahr folgende Leistungen getätigt hat: Schreibe richtig oder falsch daneben! (Denke an die Aufgaben der Gemeinde)

*Schwindelhausen bekam ein neues Krankenhaus.
*Der Abwasserkanal wurde erneuert.
*Ein neues IMAX-Kino wurde gebaut.
*Ein Polizeiauto wurde angeschafft.
*Eine neue Tankstelle wurde gebaut.

3. Erkäre den Unterschied zwischen Bürgerbegehren und Bürgerentscheid!

4. Wie lautet das Gründungsjahr Münchens? Welcher Kaiser stellte hierfür die Gründungsurkunde aus? 

5. Nenne vier Nachteile einer Mülldeponie und begründe diese.

6. Beschreibe den Kreislauf des Biomülls!


Zu den Lösungen >>


Mehr zu den Probebüchern:  www.schulproben-bayern.de