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 30.03.2017

Placebo oder echt? Egal!  Foto: Mario Heinemann/Pixelio

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Wenn nichts hilft

Von Kerstin Schmied

Der Glaube versetzt Berge - und lindert Schmerzen. Pillen wirken, obwohl nichts drin ist. Jetzt hat die Medizin den Placebo-Effekt neu entdeckt.  


    Mal war es ein Stechen in den Ansätzen der Rippenbögen, dann ein dumpfer Schmerz in den Lendenwirbeln: Seit Jahren konnte Anja F.,38, oft kaum aufrecht stehen, fehlte in der Arbeit, traute sich nicht, länger in den Urlaub zu fahren. Von den meisten Schmerzmitteln wurde ihr übel, selbst Krankengymnastik und Massagen konnten die Beschwerden nur ein paar Tage lindern. Ihre letzte Hoffnung: eine neuartige Behandlung mit einem speziellen Heilmittel aus Amerika. Dieses Präparat, so ihr Arzt, habe eine hervorragende Wirkung, aber kaum Nebenwirkungen. Schon eine Stunde, nachdem er der Patientin eine Spritze mit dem Medikament verabreicht hatte, waren ihre Schmerzen verschwunden. Heute, ein halbes Jahr später, ist Anja F. beschwerdefrei. Dass ihr der Arzt damals nur eine Dosis Kochsalzlösung injiziert hatte, wusste sie nicht. Ihre Schmerzen waren echt – geheilt hat sie der Glaube an ein Scheinpräparat.

Weiße Tabletten aus Milchpulver lindern Migräne, rote Kapseln mit Traubenzucker schützen vor Depressionen. Seit langem weiß man, dass auch Medikamente ohne Wirkstoff einen Heilungsprozess auslösen können – wenn der Patient fest daran glaubt. 

Der so genannte Placebo-Effekt wird vor allem durch positive Erwartungen gesteuert: „Schon der Anblick von Pillen oder der leichte Pieks der Spritze setzt eine komplexe körperliche Reaktion in Gang“, erklärt Claus Derra, Schmerztherapeut an der Taubertal-Klinik in Bad Mergentheim. Während der Sinneseindruck verarbeitet wird, entsteht die Aussicht auf Heilung und die krankheitsbedingte Stressbelastung nimmt ab. Durch den Nervenimpuls wird die Produktion von Hormonen angeregt, die das Immunsystem stärken. Bei Schmerzen werden körpereigene Opioide ausgeschüttet. Sie wirken wie Morphium und verhindern, dass der Schmerz über das Nervensystem weitergeleitet wird. 

Bis zu 70 Prozent der Patienten fühlen sich nach einer Placebo- Behandlung besser. Das Wichtigste ist, dass der Patient seine Genesung erwartet, ihm aber nicht bewusst ist, dass er nur ein Scheinmedikament bekommt. In seriösen wissenschaftlichen Untersuchungen weiß nicht einmal der Arzt, welcher seiner Probanden den Wirkstoff und welcher das Placebo erhält.

Positives Denken als Ersatzmedizin

Placebo kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Ich werde gefallen. Im Mittelalter war der Begriff ein Synonym für Heuchler und Schmeichler. Auch die Geschichte des Placebo-Effekts ist so alt wie die der Menschheit: Schon immer wurden Medikamente ohne spezifische Wirkung verordnet – wie etwa der Aderlass als universelles Heilverfahren. Vielleicht wollen Ärzte deshalb vermeiden, in die Nähe von Schamanen oder Wunderheilern gerückt zu werden. Ein bisschen Schauspieltalent könne modernen Medizinmännern aber auch nicht schaden, meint Claus Derra.

Die Heilungschancen bei Placebo-Behandlungen werden durch diverse Faktoren beeinflusst. Der weiße Kittel spielt dabei eine maßgebliche Rolle: Vertraut der Patient in die Fähigkeiten seines Arztes, steigen seine Erwartungen in die Behandlung und damit auch der Placebo-Effekt. Die „Verkaufe“ der neuen Therapie ist ausschlaggebend für den Erfolg. „Wenn der Mediziner souverän und optimistisch auftritt, überträgt sich diese Haltung auf die Zufriedenheit des Patienten mit seiner Therapie“, so Derra.

Der Effekt ist allerdings auch abhängig von Titel und Position: Eine Studie ergab, dass nur ein Viertel der Testpersonen positiv auf ein Placebo reagierte, das von einer Krankenschwester verabreicht wurde. Als ihnen der Arzt das gleiche Mittel gab, spürten 70 Prozent eine Verbesserung. Placebos werden aber nicht nur in Kliniken angewendet: Auch Apotheken haben eine Auswahl wirkstofffreier Pillen und Tropfen auf Lager, die mit Beipackzettel und in täuschend echter Verpackung auf Rezept verkauft werden.

Allround-Talent

Der amerikanische Anästhesist Henry Beecher war der Erste, der den Placebo-Effekt wissenschaftlich untersuchte. Als ihm im Zweiten Weltkrieg das Schmerzmittel ausging, spritzte er den verwundeten Soldaten eine Kochsalzlösung – und auch diese half, die Schmerzen zu lindern. Inzwischen gibt es kaum Krankheiten, bei denen die Wirkung des Scheins noch nicht nachgewiesen wurde: Bei Asthma und Arthritis ebenso wie bei Bluthochdruck und Migräne, Rheuma oder sogar Magengeschwüren. 

Wie wirksam der Placebo-Effekt gerade auch bei Operationen ist, zeigt ein Experiment aus Texas: Per Losverfahren bestimmte ein Orthopäde, welchen seiner 180 Arthrose-Patienten er das schmerzende Kniegelenk operierte. Bei den anderen täuschte er nur eine Operationswunde vor. Nach zwei Jahren waren 90 Prozent der Patienten schmerzfrei.

Voraussetzung für den Placebo-Effekt ist, dass Körperfunktionen betroffen sind, die vom zentralen Nervensystem gesteuert werden. Außerdem muss der Patient die Verabreichung des

Medikaments bewusst erleben oder die Narben seiner Operation sehen, wenn er aus der Narkose erwacht. Bei der richtigen Anwendung wirken Placebo-Präparate mindestens bei einem Drittel aller Patienten – und sind billiger, als jedes andere Arzneimittel. Verblüffend ist allerdings, dass bei Placebos ähnliche Nebenwirkungen einsetzen können, wie bei den vorgetäuschten Wirkstoffen. Als „Nocebo“ treten etwa Übelkeit oder Kopfschmerzen auf, wenn der Arzt oder die Packungsbeilage darauf hinweisen. Dass solche Körperreaktionen bewusst hervorgerufen werden können, zeigt ein Experiment, in dem Probanden ein neues Brechmittel testen sollten: 80 Prozent der Teilnehmer mussten sich übergeben – obwohl sie nur Zuckerwasser getrunken hatten.

Hoffnung auf Rezept

Grundsätzlich werden Scheinpräparate verwendet, um in wissenschaftlichen Studien die Wirksamkeit neuer Arzneimittel zu testen. Auch jedes normale Medikament nutzt aber den Placebo-Effekt: Oft lässt sich gar nicht exakt nachweisen, welcher Anteil des Heilungserfolges allein auf den Wirkstoff zurückzuführen ist. Laut Expertenschätzung ist bei nahezu der Hälfte aller verabreichten Medikamente die pharmazeutische Wirkung nicht eindeutig belegt.

In der Praxis werden Placebos heute überwiegend eingesetzt, um Entzugserscheinungen zu mildern oder die Dosis von Medikamenten mit schweren Nebenwirkungen herabzusetzen. Die Patienten sind in der Regel darüber informiert, dass der Anteil des verabreichten Wirkstoffes mit der Zeit verringert wird, die Gesamtmenge der Flüssigkeit bleibt jedoch gleich. Vielversprechend ist, so Derra, auch die Verstärkung der Placebo-Wirkung durch Konditionierung. Dieses Verfahren kann eingesetzt werden, um bei Empfängern einer Organspende das Immunsystem zu schwächen. Nach einer Transplantation wird die Abstoßreaktion gegen das Fremdorgan durch die Einnahme starker Medikamente verhindert. Die Mittel können allerdings massive Nebenwirkungen verursachen.

Im Rahmen einer Studie erhielten Testpersonen täglich eine Flüssigkeit, die mit einem Immun-Blocker angereichert war. Nach fünf Tagen wurde der Trank ohne Arzneimittel verabreicht. Im Blut der Probanden waren die Immunfaktoren fast genauso reduziert, wie nach Einnahme des Medikaments. Die Flüssigkeit hat folglich die Wirkung der Arznei übernommen.

Gute Besserung durch Kommunikation

Auch wenn der Placebo-Effekt zahlreichen Patienten geholfen hat, befinden sich diese in einem Dilemma: Dass sie durch eine Schein-Operation oder Tabletten ohne Wirkstoff geheilt wurde, lässt sie und oft auch ihre Ärzte glauben, dass sie gar nicht richtig krank waren – damit würden sie als Simulanten gelten. Dass der Körper sich selbst hilft und ein Medikament oder ein Eingriff überflüssig ist, passt nicht ins gängige Verständnis von Medizin. Im Zeitalter der computergesteuerter Chirurgie beeindruckt viele Patienten der technische Fortschritt mehr, als die Fähigkeiten unseres Körpers im Umgang mit Krankheiten.

„Es gibt keine bestimmte Personengruppe, die besonders anfällig für Placeboeffekte ist“, meint Derra. „Als Arzt muss man versuchen, ein Gespür für den Menschen zu entwickeln und seine Persönlichkeit bei der Behandlung berücksichtigen. Ein Ingenieur, der in die Technik vertraut, spricht eher auf eine gerätebasierte Therapie an. Beschäftigt sich jemand mit Yoga oder Feng Shui, sind vermutlich eher Methoden aus der Traditionellen Chinesischen Medizin geeignet.“ Hier sieht Derra auch ein deutliches Defizit in der Ausbildung der Mediziner: „Dieser Aspekt kommt im Studium und später in der Schulmedizin viel zu kurz. Heilpraktiker etwa nehmen sich mehr Zeit, die Patienten aufzuklären und jeden Schritt ihrer Behandlung zu beschreiben. Dadurch können die positiven Erwartungen gezielter aufgebaut und genutzt werden.“

Aus ethischer Sicht hält es Derra allerdings für verantwortungslos, eine wirksame Therapie durch Placebos zu ersetzen: „Damit riskiert man die Vertrauensbasis zum Patienten. In Zukunft sollten wir Mediziner aber den Placebo-Effekt stärker nutzen, um die ärztliche Ausstrahlung zu optimieren und das Zutrauen der Patienten in ihren eigen Körper zu fördern.“



Kerstin Schmied, geboren 1979, ist Redakteurin der Zeitschrift Freundin in München. Sie studierte Psychologie, Soziologie und Kommunikations-
wissenschaft, volontierte im Burda-Verlag und schreibt heute vor allem für die Bereiche Karriere, Psychologie, Partnerschaft, Sport und Reise.




Nicht erschienen, weil

Der Text für das Entwicklungsprojekt eines Verlags erstellt wurde. 


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