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 24.11.2017

Lauf ums Leben.  Foto: istockphoto.com/Diane White Rosier

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Hörner zeigen

Von Manuel Rhode

Verletzte, Tote und Proteste von Tierschützern - den Stierlauf in Pamplona wird es trotzdem weiterhin geben, denn längst ist er Massenspektakel und wichtiger Wirtschaftsfaktor der Stadt.


    In Todesangst rennen die Menschen durch die Gassen. Weiß gekleidet, ein rotes Band um die Hüfte, ein rotes Tuch um den Hals. Panisch blicken sie sich um. Der Augenblick rückt näher, Schreie werden lauter. Stampfende Schritte kündigen den Moment an, auf den alle warten. Sechs ausgewachsene Kampfstiere trampeln über das Kopfsteinpflaster und räumen alles aus dem Weg, was ihnen vor die Hörner kommt. Ein paar Menschen bleiben mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden liegen. Nach nicht einmal fünf Sekunden ist der Tross aus mächtigen Stieren vorbeigezogen und der Spuk fürs Erste vorüber. 

So schildert sich der tägliche Höhepunkt einer der verrücktesten Fiestas Spaniens, den Sanfermines mit ihrem Stiertreiben in der nordspanischen Stadt Pamplona. Jedes Jahr steht die Stadt eine Woche lang Kopf, es wird die ganze Nacht gefeiert, um sich bei Tagesanbruch einen Platz zu sichern, von dem aus das Spektakel gut zu sehen ist. Bereits zwei Stunden vor der Stierhatz, die jeden Morgen um acht Uhr beginnt, sind die Holzbarrieren an der knapp 850 Meter langen Strecke dicht besetzt. Die Läufer, unter ihnen auch immer mehr Frauen, treffen sich eine Stunde vor Beginn auf dem Rathausplatz, um am waghalsigen Lauf, dem encierro, teilzunehmen. Dicht gedrängt vertreiben sie sich die Zeit mit Gesängen, doch ist die Anspannung spürbar. Eine Rakete schießt in die Luft - die lebensgefährliche Mutprobe beginnt, die Tore des Stalls werden geöffnet. Einige Leitochsen vorneweg, bahnt sich ein halbes Dutzend ausgewachsener Kampfstiere, von denen jeder mindestens eine halbe Tonne wiegt, die überfüllte Strecke entlang. Die Hatz durch die Altstadt dauert nur wenige Minuten und endet in der Stierkampfarena Plaza de Toros

Der Stierlauf in Pamplona hat eine jahrhundertealte Tradition. Früher allerdings trieben Hirten die Tiere von Stallungen außerhalb der Stadt zur Arena. Nach und nach schlossen sich junge Männer dem Stiertreiben an und bald schon wurde es zur Mutprobe, ein Stück vor oder neben den Tieren herzulaufen.                

Auch der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway, der sich gerne mal in Gefahr begab, muss von dem spanischen Treiben beeindruckt gewesen sein – denn immerhin fand es unter anderem Eingang in seinem Roman „Fiesta“. In Pamplona wurde Hemingway längst ein Denkmal gesetzt. Heute ist von dem Lauf natürlich nicht mehr nur in Büchern zu lesen – es ist ein internationales Ereignis, das die Stadt ins Rampenlicht des Medieninteresses rückt. Doch hat der encierro auch seine Schattenseiten. Zwar sterben bei der Hatz noch keine Stiere, dem ungleichen Todeskampf müssen sie sich erst zehn Stunden später am Abend stellen, aber etliche Läufer erleiden jedes Jahr Verletzungen. Seit 1900 sind insgesamt 15 Menschen während eines encierros gestorben, jüngst im Jahr 2009, als ein Stier mit seinen Hörnern einem Läufer die Halsschlagader durchbohrte. 

Solcher Schreckensnachrichten und massiven Prosteste durch Tierschützer zum Trotz wird der encierro wohl nichts an seiner Popularität einbüßen. Denn aus der einstigen Mutprobe ist längst auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden.   

Manuel Rhode, Jahrgang 1983, studiert Hispanistik und arbeitet als freier Autor in Göttingen.



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Während die beschauliche Stadt Pamplona im restlichen Jahr fast nur von Pilgertouristen auf dem Weg nach Santiago de Compostela angesteuert wird, befindet sie sich zu den Sanfermines vom 7. bis zum 14. Juli im Ausnahmezustand.

Die Fiesta Sanfermines wird, wie der Name herleitet, zu Ehren des Schutzheiligen Firmin von Amiens (zu spanisch San Fermín de Amiens) gefeiert. Der Legende nach ist er in Pamplona ca. 272 geboren und starb ca. 303
in Amiens, Frankreich.


Die Fiesta im Internet:
www.sanfermines.com