Heute:
 24.07.2017

Regisseur Jason Reitman hat ein Problem mit Autorität. Foto: Jason Reitman

POLITIK       KULTUR      LEBEN     

"Humorlose Menschen machen mir Angst"

Im Gespräch mit Regisseur Jason Reitman ("Juno", "Danke, dass Sie hier rauchen")   

    
    In Ihrem Kinofilm „Danke, dass Sie hier rauchen“ geht es unter anderem um die Neurosen der Amerikaner. Woher, denken Sie, kommen diese Ängste?

Ich glaube, von dem Wunsch, anderen Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie leben sollen. Wir tendieren dazu, schnell in Hysterie auszubrechen und strenge Gesetze zu erlassen, wie zum Beispiel in Bezug auf das Rauchen. Aber das wahre Problem ist, dass wir versuchen, uns gegenseitig zu erziehen statt die Entscheidungen jedem selbst zu überlassen.

Die Ängste der Amerikaner sind recht vielfältig. Angst vor Terroristen, Zigaretten, nackten Brüsten im Fernsehen...

Da hilft ein Blick in die amerikanische Geschichte: Europäische Immigranten kamen einst nach Amerika, um dort ihre Religion in Freiheit zu praktizieren. Die Geschichte der USA hat also konservative Wurzeln. Das ist schizophren, denn einerseits ist es ein Land, dessen Verfassung auf der Idee der Freiheit begründet ist, andererseits sind wir sehr gut darin, uns selbst zu beschränken. Wir haben Angst vor Zigaretten, vor Sex...

Warum vor Sex?

Ich persönlich?

Haben Sie denn Angst davor?

Nein, und auch nicht vor nackten Brüsten. Aber die Frage ist doch, woher kommt diese Angst, auch die vor den Terroristen? Und die Antwort ist: von der Religion. Die Angst vor Sex hat ihre Ursprünge in religiösen Werten. Und die Angst vor Terroristen in der Tatsache, dass Millionen von gläubigen Menschen auf der einen und Millionen auf der anderen Seite für ihren Glauben morden. 

Welche sind Ihre persönlichen Ängste?

Humorlose Menschen machen mir Angst. Wenn jemand keinen Humor hat, kann ich auch keine Beziehung zu ihm aufbauen. Was mich am meisten beängstigt hat, war die Reaktion auf die politischen Cartoons in Dänemark, auf denen Mohammed abgebildet war. Es gab Tumulte und Morde deswegen. Es gibt also tatsächlich Menschen da draußen, die auf eine politische Satire mit Mord reagieren?!

Sie haben vorhin angesprochen, dass Sie es nicht gut heißen, anderen etwas vorzuschreiben. 

Ja, ich habe ein Problem mit Autorität. Und auch mit politischer Korrektheit.

Warum mit politischer Korrektheit?

In den 1990er Jahren stand politische Korrektheit für Höflichkeit. In Wahrheit aber steht sie für Unehrlichkeit. Man sagt, dass es einem großartig geht, obwohl es gar nicht so ist. Ein Rassist gibt vor, nicht rassistisch zu sein, obwohl er es ist. Inzwischen sind wir uns dieser Regeln gar nicht mehr bewusst und wenden sie trotzdem an, wenn wir uns unterhalten. Wir lügen auf einer regelmäßigen Basis. Wenn zwei Politiker in den USA vor den Wahlen stehen und debattieren, sagen sie nicht wirklich etwas. Sie sagen nicht, wie sie sich fühlen, sondern, was das Publikum, die potentiellen Wähler, hören wollen. Das thematisiere ich auch in meinem Film: dass die Menschen nicht mehr wirklich miteinander reden.

In Ihrem Film geht es auch um Waffenbesitz. Besitzen Sie Waffen? 

Ich bin eine Waffe! Nein... meine Frau und ich haben keine Waffen im Haus, nur Küchenmesser.

Haben Sie wenigstens Hunde?

Ja, zwei.

Zur Verteidigung des Hauses?

Es sind zwei französische Bulldoggen, also nicht die größten. Die verteidigen höchstens ihr Futter! Das soll nicht heißen, dass ich keine Angst vor Einbrechern habe. Im Gegenteil. Etwa ein Mal im Monat stehe ich in der Nacht auf und prüfe die Fenster und die Tür. Ich lebe in Los Angeles, aber in den Bergen, umgeben von Bäumen. Es gibt nicht wirklich einen Grund, nervös zu sein – obwohl: Ich lebe nicht weit von dem Haus, in dem Roman Polanskys Frau umgebracht wurde.

Würden Sie sich im Notfall mit Ihren Küchenmessern verteidigen?

Ich hoffe, dass ich das niemals muss! Es würde auch zu lange dauern, in die Küche zu gehen und die Messer zu holen... Aber ich kenne ein paar Leute, die aus dem Mittleren Westen nach Los Angeles gezogen sind und Waffen besitzen.

Warum, glauben Sie, legen sich viele Amerikaner Waffen zu?

Ich glaube nicht, dass sie sich welche zulegen, weil sie Angst haben, sondern weil sie Waffen mögen. Die kaufen sich Pistolen, wie ich mir Videospiele kaufe oder technische Geräte. Aber auch hier lohnt ein Blick in die Vergangenheit und auf die amerikanische Verfassung. Darin heißt es, dass Waffenbesitz erlaubt ist. Das hat seinen Ursprung in der amerikanischen Revolution, in der die Menschen kämpfen und sich selbst verteidigen mussten. Vielleicht habe ich auch kein Bedürfnis, eine Waffe zu besitzen, weil ich ein Immigrant bin. Ich bin Kanadier, in Montreal geboren. Die Familie meiner Mutter stammt aus Quebec, die meines Vaters aus der Slowakei. Irgendwann zogen meine Eltern nach Los Angeles, wo ich auch aufgewachsen bin. Meine ganze Familie ist kanadisch, auch meine Frau. Vielleicht kann ich die Leidenschaft für Waffen auch nur deshalb nicht aufbringen, weil ich nicht aus Texas bin. Dieses Land ist so groß...

Kürzlich (Anfang Februar 2006, Anm. der Redaktion) schoss Vizepräsident Dick Cheney mit seiner Schrotflinte in das Gesicht eines Freundes statt auf einen Vogel...

Das war wirklich witzig! Ich dachte damals über einen Slogan nach, falls Dick Cheney für das Amt des Präsidenten kandidieren würde: „Shot Gun Dick Cheney Leaving an Impression on the Face of America!“ Okay, also aus diesem Grund will ich keine Waffe. Es ist zu gefährlich. Ich bin jüdisch. Juden besitzen keine Waffen. Wir haben Angst vor Waffen. Wir haben vor allem Angst.

Okay. Sie haben Angst, Juden haben Angst, die Amerikaner haben Angst – und die amerikanischen Firmen haben auch Angst. Es gibt kaum ein Produkt, das nicht mit Warnhinweisen zugepflastert ist. Zum Beispiel: Benutzen Sie den Föhn nicht während Sie schlafen...das ist doch verrückt!

Die Gerichtsprozesse haben ein Ausmaß angenommen, das außer Kontrolle geraten ist. Das ist die eine Seite von Freiheit – man darf jeden verklagen. Sie können McDonald’s verklagen und 20 Millionen Dollar zugesprochen bekommen, weil Sie heißen Kaffee über sich selbst geschüttet haben. In „Danke, dass Sie hier rauchen“ geht es auch um persönliche Verantwortung. Ich kann nachvollziehen, dass Menschen in den 1930er Jahren geraucht haben, weil sie nicht über die gesundheitlichen Folgen aufgeklärt waren. Aber heute sind alle Aspekte des Rauchens bekannt. Dann muss man auch zu den Folgen stehen. Aber statt dessen gibt es in den USA die Tendenz, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Amerikaner verklagen die Firmen und die Firmen ziehen schließlich die Konsequenz daraus und drucken auf ihre Verpackungen all diese Warnhinweise, um sich vor Klagen zu schützen.

Wäre es nicht einfacher, das Gesetz entsprechend zu ändern?

Ich glaube, das ist eine vertrackte Sache. Wenn wir davon ausgehen, dass wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, in der jeder eigennützig handelt und jeder nach Geld strebt, dann ist der beste Weg die Menschen zu bestrafen, der, ihnen ihr Geld wegzunehmen. Das gilt auch für die großen Firmen. Und das wiederum kann man nur, wenn man sie verklagt. Die Frage ist, wie man das Gesetz ändern kann, ohne den Menschen ihren rechtlichen Schutz zu nehmen. Im Fall der Zigaretten gab es in den 1990er Jahren ein großes Verfahren, das alle Klagen gegen die Tabakfirmen regelte, jedenfalls was die Gesundheitsrisiken betraf. Zum Beispiel wurde damals Zigarettenwerbung verboten. Es gibt aber noch Klagen anderer Art, etwa weil eine glühende Zigarette ein Bett in Flammen aufgehen ließ.

Die Amerikaner waren die ersten, die das Rauchen in öffentlichen Räumen verboten haben. Mittlerweile hat die Diskussion Deutschland erreicht...

Davon habe ich gehört. Sie sind die letzten!

Wir sind immer die letzten.

Ha! Ich persönlich habe ja ein Problem mit dem Rauchergesetz. Mein Herz und mein Kopf sind nicht einer Meinung. In meinem Herzen liebe ich es, in ein Nichtraucher-Restaurant zu gehen, zu essen und danach wieder hinauszugehen, ohne nach Rauch zu riechen. In meinem Kopf aber ergibt das keinen Sinn. Der Besitzer eines Restaurants, einer Bar oder einer anderen öffentlichen Einrichtung sollte selbst darüber entscheiden können, ob er Rauchen erlauben will oder nicht. Nur er kann einschätzen, ob er damit seine Kunden verprellt oder anzieht. Das Rauchergesetz ist doch nur ein weiteres Beispiel dafür, dass die Regierung die Bürger erzieht, sie wie Kinder behandelt. Und wenn die Regierung die Menschen lange genug wie Kinder behandelt, verhalten sie sich auch wie Kinder – sie beschuldigen andere. Und damit gehen die Gerichtsprozesse los, was zur Folge hat, dass die Firmen ihre Warnhinweise auf Produkten anbringen, womit die Bürger im Grunde genommen noch mehr wie Kinder behandelt werden.

Aber es ist auch eine demokratische Entscheidung. Wenn die Mehrheit gegen das Rauchen ist, darf nicht mehr geraucht werden.

Ja, da stimme ich überein. Ich glaube an die Demokratie, aber ich finde nicht alles daran gut.

Warum, denken Sie, gibt es ausgerechnet um das Rauchen große Diskussionen?

Es ist schon interessant. Wir wissen alles darüber. Dass es tödlich ist. Dass es auf unterschiedliche Weise tötet. Und dass es in Maßen potentiell harmlos ist, wie die meisten Dinge, die man in Maßen ausübt. Warum also diese große Diskussion ums Rauchen? Warum regen sich die Leute so darüber auf? Einerseits weil jährlich fast eine halbe Million Menschen an den Folgen des Rauchens sterben und es immer noch eine der vermeidbarsten Todesursachen ist. Ich glaube aber, dass die Diskussionen um das Rauchen in den nächsten Jahren nachlassen werden und dass man stattdessen über die Folgen des Fastfood-Konsums debattieren wird. Anders als Zigaretten wird Fastfood auch für Kinder vermarktet. Softdrink- und Fastfood-Firmen kooperieren mit Grundschulen und Highschools. Die Kinder stopfen von Klein auf dieses Zeug und all den Zucker in sich hinein. Sie werden fettleibig, bekommen einen Herzinfarkt...

Aber ist das Fast-Food-Problem nicht eher ein Problem des sozialen Gefälles in den USA? Es sind doch vor allem die Armen, die das billige Fast-Food kaufen...

Das mag eine Rolle spielen, aber ich glaube, dass es vor allem mit dem Marketing zu tun hat. Kinder wollen zu McDonald’s, sie fragen nicht nach einem Salat. Sie wollen einen BigMac, weil sie umgeben sind von BigMac-Werbung. Man versucht, die Kinder mit dem zuckerhaltigen Fleisch genauso abhängig zu machen wie Erwachsene von Nikotin. Darüber wird es bald große Diskussionen geben.

Brauchen die Amerikaner eine Obsession?

Ich glaube nicht, dass sie sie brauchen, aber sie wird ihnen zugetragen. Amerikanische Politiker zum Beispiel haben herausgefunden, dass sie Stimmen gewinnen, nicht indem sie über die echten Probleme der Amerikaner sprechen, sondern über Themen, die die Gemüter regen. Etwa, ob Schwule heiraten dürfen oder Frauen abtreiben. In religiösen Staaten wie im Süden der USA werden solche Themen bewusst angeheizt.

Eine letzte Frage: Welche Art von Neurose hat Hollywood?

Innerhalb des Studiosystems geht ständig die Angst um, gefeuert zu werden. Wenn ein Studio von einer großen Produktionsfirma gekauft wird, muss es vier Mal jährlich nachweisen, dass es Profit macht – das sind natürlich schwierige Voraussetzungen, um künstlerisch tätig zu sein. Ich glaube, die Neurose in Hollywood ist die Idee, dass wir eigentlich Künstler sind, aber gleichzeitig Geld einbringen müssen. Wie kann man das vereinbaren? Für mich lautet die Antwort: einen Independent Film zu machen, außerhalb des Studiosystems.

Interview: Tanja Schwarzenbach


Tanja Schwarzenbach, geboren 1975, ist freie Redakteurin in München. Nach ihrem Studium der Amerikanischen Kulturgeschichte volontierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und war dort anschließend Redakteurin. Ihr Schwerpunkt ist amerikanische Kultur.



Nicht erschienen, weil

Ein Teil des Interviews in einen größeren Text über rauchende Russen in New York einfloss. 


Zurück zur Startseite...

Zu weiteren Artikeln im Ressort Kultur...


Mit "Thank you for Smoking", "Danke, dass Sie hier rauchen", lieferte Jason Reitman 2006 sein Spielfilmdebüt ab. Ein Jahr später kam sein zweiter Film in die Kinos, "Juno", für den er in der Kategorie "Beste Regie" für einen Oskar nominiert wurde. Reitman ist 1977 in Montreal geboren und der Sohn des  bekannten Regisseurs Ivan Reitman ("Ghostbusters").

Für das Interview trafen wir uns im Juli 2006 im Hotel Bayerischer Hof in München. 

Reitman ist Nichtraucher. Er sagt darüber:

"I tried it. It really hurt. I was like 15 years old and I smoked and it burned and I didn’t like it. I never understood smoking. This is partly why I like it so much as a topic. 'Cause it does not make any sense to me. I understand eating. I understand Sex. I understand all the other vices. But smoking is like… I can understand people taking drugs if they wanna get high. I don’t get high. But I understand the desire to get high. But the desire to smoke a cigarette makes no sense to me. But that’s why I find it funny. It’s one thing to get passionate about something you really wanna do, it’s another to be intense about something that has no reason to exist."