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 24.11.2017

Ball im Tor? Der Gegentreffer kommt bestimmt.   Foto: iStockphoto.com/Gianluca Padovani

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Leid im Spiel

Von Egon Theiner

Ein Fan von Inter Mailand muss viel ertragen können - und das schon seit sehr langer Zeit. Zum 100-jährigen Bestehen eines manchmal undankbaren Vereins.


    Da erkläre ich ihr tagelang, in Vorbereitung auf das Spiel, die Einzeleinheiten in aller Deutlichkeit: Wir, das sind die in Schwarz-Blau, wir haben Heimvorteil im Mailänder San Siro-Stadion, das volkstümlich so heißt, weil der ganze Stadtteil den Namen San Siro trägt. Wir spielen gegen Parma in Gelb-Blau, doch die können ohnehin nicht spielen. Haben es nie gekonnt, außer vorübergehend, sie haben eben keinen Ronaldo auf dem Feld, wie wir ihn haben. Sie hat verstanden und nickt. Alles scheint gut. 

Es vergehen zehn Minuten und die Diskussionen beginnen. Eigentlich, sagt meine Freundin, gefallen ihr die Spieler von Parma besser, sie seien attraktiver und muskulöser und die Trikots um einiges schöner anzusehen als das Schwarz-Blau von... "wie heißt deine Mannschaft noch gleich? Und Ronaldo, Ronaldo, Ronaldo. Wo ist er denn? Kann der nur stehen? Ach, nein, Entschuldigung, jetzt ist er gerade zwei Schritte gelaufen…Ist das euer bester Spieler?! Der würde ja nicht einmal in Österreich einen Stammplatz bei einer Zweitligamannschaft bekommen." Und so weiter und so fort. 

Es ist eines jener vielen, üblichen, hässlichen Spiele jenes Vereins, an den ich mein sportliches Herz verschenkt habe. Inter Mailand hat tatsächlich einen weniger guten Tag und Ronaldo ist tatsächlich eher nicht existent. Wir verlieren 1:3 und ich habe mir geschworen, mit ihr nicht mehr ins Stadion zu gehen. 

Dabei ist es nicht ihre Schuld, sondern mein Schicksal. Ich könnte Fan sein von Juventus Turin und würde un anno si e uno no, also jedes zweite Jahr, den Titel gewinnen. Ich könnte Anhänger des AC Milan sein, der Legion Silvio Berlusconis angehören und mich im Glanz viel zu vieler Champions-League-Siege sonnen. Ich könnte mich interessieren für Sympathieträger wie Udinese, AC Chievo, Sampdoria Genua, gute Mannschaften mit farbenfrohen Spielertrikots, aber eben keine Top-Mannschaften. 

Mit Inter Mailand, der dieses Jahr sein 100-jähriges Bestandsjubiläum feiert, ist das so eine Sache: Zwar gewinnt er seit rund 20 Jahren den Titel, aber eigentlich immer nur jenen im Sommer, wenn der Transfermarkt schließt. Dann werden die Vorzüge der Neuzugänge gepriesen, dann diskutieren die Experten der Medien die möglichen taktischen Varianten bis ins letzte Detail durch, dann möchte man auch am liebsten schon die Komplimente der Kollegen an der Bar erhalten, "Gratuliere, tolle Meisterschaft", "ihr seid unschlagbar", oder so ähnlich. Und was passiert? In einem Jahr eine Niederlage beim späteren Absteiger Venedig, in einem anderen ein Desaster in Bari. Inter Mailand ist seit Jahrzehnten die stärkste Mannschaft Italiens. Auf dem Papier. Papier spielt keinen Fußball, jedenfalls keinen erfolgreichen, und Geld spielt auch keinen. 

Ich bin Fan von Inter Mailand. Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich gehöre nicht zu jenen, die sich in Wehklagen auflösen, wenn wieder mal ein Spiel verloren wurde. Ich bin Fan einer Mannschaft, die es eigentlich nicht verdient, Anhänger zu haben. Weil sie alles tut, um diese zu vergraulen und wir uns fragen, warum wir eigentlich mit Inter Mailand mitfiebern. Denn Inter Mailand schert sich um uns un cazzound das verstehe wer es verstehen kann, übersetzen werde ich es nicht. 

Schuld an meiner Leidenschaft für den Verein ist Pater Hubert, der mich im Gymnasium der Franziskanerschule unterrichtete. Pater Hubert war ein glühender Anhänger von Inter Mailand, dermaßen glühend, dass er, mit der richtigen Frage konfrontiert, nicht nur den Lernstoff hinten anstellte, sondern auch mündliche Prüfungen und schriftliche Tests. Lieber sprach er dann von jenen Spielern, die gerade Inter Mailand zum Meistertitel schossen, allen voran Matthäus, Brehme und Klinsmann, und vom Trainer, Giovanni Trapattoni. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt relativ wenig über Inter Mailand, doch allein die Tatsache, dass ich als einziger meiner Klasse immer brav aufzeigte, wenn Pater Hubert die Frage stellte: „Wer ist hier Inter-Fan?“, brachte mir neben meiner tatsächlichen Stärke und Liebe zu seinen Unterrichtsfächern zusätzliche Pluspunkte bei den Noten. 

Zum Zeitpunkt meiner Matura war der Mailänder Traditionsklubs rund 80 Jahre alt, hatte zwei Landesmeister-Pokale gewonnen, eine Handvoll von „Scudetti“ und auch den Titel 1989. Doch ich hatte schon damals verstanden, was diese Mannschaft nicht konnte: kontinuierlich siegen. Gewann sie vorübergehend 3:0 im UEFA-Pokal gegen Real Madrid, kassierte sie sicherlich in den letzten Spielminuten einen Gegentreffer, verlor das Rückspiel in Spanien 0:2 – und schied aufgrund der Auswärtstorregel aus. Oder ließ sich, ein Jahr später, gegen den gleichen Gegner zum gleichen Anlass im Madrilener Bernabeu-Stadion verprügeln und in der Verlängerung schlagen. 

Fan von Inter Mailand zu sein ist eine Geisteshaltung. Fans von Inter Mailand glauben an den nahenden Untergang der Welt, wissen, dass es keine fairen Schiedsrichter gibt und vermuten, dass die eigenen Spieler bestochen worden sind von den anderen Vereinen. Anhänger von Inter Mailand, so spotten Anhänger anderer Klubs, sehen sich das Spiel an. Sollten sie überraschenderweise gewinnen, kontrollieren sie daheim am Teletext, ob das Resultat tatsächlich stimmt. Und wenn immer noch von einem Erfolg die Rede sein sollte, kaufen sie sich am nächsten Tag die Zeitung, nur um sicherzugehen, dass sich über Nacht nicht doch noch was geändert hat. 

Das Weltbild eines Inter-Fans kann nur dann stimmen, wenn seine Herzensmannschaft nicht gewonnen hat. Weil Inter und Siege – das ist zwar wünschenswert, aber: das passt nicht zusammen, das ist, als wäre Hans Krankl Trainer bei der Wiener Austria. 

Fanproteste bei Inter Mailand halten sich deshalb in Grenzen. Gut, der schwarz-blaue Bus wurde schon mit Steinen beworfen und gepfiffen wurde auch, aber prinzipiell gilt: Wir ertragen es. Dass wir ausscheiden im Champions-League-Achtelfinale gegen Valencia aufgrund der Auswärtstorregel, nehmen wir mit einem Achselzucken zur Kenntnis. Dass wir in einer der jüngeren Spieljahre Zweite werden, hinter Meister Juventus und vor Champions-League-Sieger Milan, also als einzige mit leeren Händen dastehen, Italienpokal ausgenommen, ist traurig. Dass wir die berühmte Italienmeisterschaft 2003, mit dem Experten für zweite Plätze, Hector Cuper auf der Trainerbank, nicht gewonnen haben, wäre für psychologisch weniger gefestigte Charaktere Grund für Amokläufe gewesen. Da reicht uns ein Unentschieden in Rom bei Lazio und 60 000 Fans. Der Titelgewinn, eine Formsache. 

Als Präsident Massimo Moratti seinem verletzten Lieblingsspieler Ronaldo ein Jahr lang das Gehalt zahlte, soll seine Frau zu ihm gesagt haben: "Massimo, weiß Du, wie viel Leid du in der Welt lindern könntest, würdest Du dieses Geld nicht Ronaldo, sondern wohltätigen Institutionen zukommen lassen?" Moratti soll trocken geantwortet haben: "Niemand leidet mehr als ein Inter-Fan."

Und so leide ich auch, seit nunmehr 20 Jahren. Dem Verein wird im Jahr 2006 der Titel zugesprochen, am grünen Tisch, wo denn sonst, und ich denke mir: ein Wahnsinn, Papier spielt doch Fußball. Klar, dass wir nie was gewonnen haben, wenn die anderen betrügen. Nur wir, wir haben unter unseren dunklen Trikots ein reines Herz. Wir haben nie den eigenen Vorteil gesucht, immer brav Unsummen ausgegeben auf dem Spielermarkt und uns dann niederknüppeln lassen auf dem Feld. Die Welt ist nicht fair, und keiner weiß es besser als ein Inter-Fan. 

Immerhin haben wir 2007 den Titel auf dem Spielfeld gewonnen, mit 22 Punkten Vorsprung auf den AS Roma, doch es ist kein wahrer Triumph: Juventus hat als Zwangsabsteiger die Serie B gewonnen, große renommierte Mannschaften haben die Saison mit Punktabzügen begonnen. Die Meisterschaft war verfälscht. Erklären andere, meinen auch wir selbst. 

Und so wird das Spieljahr 2006/2007 eher als jenes Jahr eingehen, in dem Juventus Turin den Titel gewonnen hat, jenen der Serie B nämlich. Dass Inter Mailand ein Jahr vor seinem hundertjährigen Bestandsjubiläum die Serie A dominiert hat, wird als Ausrutscher der Glückgöttin Fortuna abgetan, als Trostpreis für ewige Verlierer. Als Inter Mailand auch theoretisch als Meister feststand, als klar war, dass 18 Punkte Vorsprung in fünf Spielen nicht mehr zu vergeben waren, erhielt ich einen Anruf von einem guten Freund, Juventino di nascita, Juve-Fan von Geburt an: "Herzliche Gratulation zum unwichtigsten Titel des Jahres."


Egon Theiner, geboren 1968, ist freier Journalist und Buchautor in Wien. Er schreibt u.a. für die FAZ, SZ und das Sportmagazin.



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Inter Mailand, gegründet 1908, ist einer der Kultvereine des italienischen Fußballs. 1964 und 1965 gewann der lombardische Verein sowohl den Pokal der Landesmeister (die heutige Champions League) und den Interkontinental-Cup, siegte drei Mal im UEFA-Cup (1991, 1994, 1998), holte fünf Mal die "Coppa Italia" und 16 Mal den italienischen Meistertitel: erstmals 1909/10, zuletzt 2007/08. Neben Lothar Matthäus spielten u. a. Karl-Heinz Rummenigge, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann für Inter Mailand. Aktueller Star der Mannschaft ist der Schwede Zlatan Ibrahimovic; Trainer ist der Portugiese Jose Mourinho.

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