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 24.11.2017
Hut, Foto: Jonathan Willmann
Eine Nachricht an den Himmel oder einfach nur ein Hut?  Foto: aboutpixel.de/Seppelhut©Jonathan Willmann

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Gut behütet

Von Monique de Cleur

Auch ein Hut hat Durst. Ulrike Strelow weiß das. Sie ist preisgekrönte Modistin. Ein Besuch im Garten der Kopfbedeckungen.

  
    Hüte werden gegossen wie Kakteen. Ulrike Strelow zückt eine gelbe Plastikflasche, zielt und drückt den leise knarzenden Hebel kräftig durch. Ein feiner Sprühnebel hüllt den schwarzen Hutrohling in ihrer Hand ein. Er braucht diese Feuchtigkeit, um später in voller Pracht zu erblühen. Seine Schönheit aus ihm heraus zu kitzeln, ist Ulrike Strelows Beruf. Sie ist, was Johnny Depp in „Alice im Wunderland“ nur spielt: Hutmacherin. Dabei wollte sie doch eigentlich „was Vernünftiges machen“.

„Verrückt“ geht dem Zuhörer allerdings eher durch den Kopf, wenn die Modistin, 39, erzählt, dass sie nach dem Abitur erstmal Betriebswirtschafslehre studiert hat. Diese zierliche Frau mit den fröhlich geschnittenen braunen Haaren und den grünen Augen, die beim Anblick all der Farben und Formen in ihrer Werkstatt strahlen, kann der Besucher sich nur schwerlich mit Aktentasche und Laptop statt Nadel und Faden vorstellen. Das Lächeln ihrer Lippen verrät, dass ihr selber das heute auch nicht mehr gelingt. Selbst der Hutdämpfer auf dem Tisch lässt das Wasser in seinem Bauch glucksen, vor Lachen könnte man meinen.

Das Läuten der Glöckchen an der Türklinke holt die Hutmacherin gedanklich zurück in ihren Laden. Eine Kundin hatte ein altes Erbstück zum Ändern gebracht, jetzt möchte sie es abholen. „Das war der Beerdigungshut“, erzählt die Dame. Ihre Augen nehmen Maß, sie befühlt vorsichtig die Krempe, dann setzt sie das restaurierte Schätzchen auf. Vor der Wand steht ein Spiegel. „A hat is a message to the sky“ ist darüber getüncht – ein Hut ist eine Nachricht an den Himmel. Ein prüfender Blick und die Unsicherheit der Kundin weicht Erleichterung und Freude; die Nachricht stimmt: Schwarz ist der Hut immer noch, aber nicht mehr trist. „Den behalt’ ich gleich auf“, beschließt sie, und der Hut nickt kokett und sitzt ein wenig schief auf ihren elegant geföhnten grauen Haaren. 

Ulrike Strelows rechte Hand hält den Telefonhörer, die andere lässt einen Bleistift auf das Bügelbrett vor dem Fenster ihrer Werkstatt tippen, noch mal, immer wieder. Die feingliedrigen Finger der Modistin sind ständig in Bewegung, gerade wenn sie nicht mit Stoff hantieren. Es ist, als ob sie nur zur Ruhe kommen, wenn ihnen eine neue Form, eine ungewöhnliche Farb- oder Stoffkombination unterkommt. „Viola, Heide, Flanell, Lavendel und Schwarz“, ordert die Modistin in die Muschel. Aus den Stoffen wird sie einen Hochzeitshut fertigen. „Das ist nicht ungewöhnlich“, meint sie: Ob Trauung, Taufe oder Theater, Frauen tragen heute wieder Hüte – und Männer auch.

„Es ist ja auch ein Spaß, sich zu schmücken“, erklärt die Hutmacherin. Schon die Kleinsten drücken sich an der Schaufensterscheibe ihres Geschäfts am Rüttenscheider Markt die Nase platt. Gerade lugt schon wieder ein Steppke zwischen zwei Hüten in den Laden. Bis an die Decke stapeln sich die Unikate: Petrolblau, Magentarot und Cremeweiß; streng, verspielt oder filigran – hier findet jeder Kopf den passenden Deckel. „Der perfekte Hut ist der, der zu einem passt. Das kann heute einer sein, morgen ein anderer.“ Dabei muss es gar nicht immer die ausladende, behütende Variante sein.

Strelow schneidet ein schiefes Dreieck aus einem durchscheinenden, schwarzen Strohstoff. Die Seiten rollt sie eng zusammen und steckt sie fest. Überstehende Fasern fallen der Schere zum Opfer, lose Fäden zupft sie mit den Fingern heraus. Aus dem Regal hinter ihr sucht sie sich das passende Garn aus gut 200 Rollen aus. „Ich bin eine Sammlerin“, sagt sie fast entschuldigend. Die Nähmaschine rattert leise, während die Modistin mit Nadel und Faden den abgesteckten Rändern folgt. Mit den Fingern legt die Hutmacherin eine Schlaufe in den Stoff, eine Spitze rollt sie rasch über einen Bleistift. Als sie ihn wieder herauszieht, entfaltet sich das Stück Stoff zu einem Haarschmuck wie eine schwarze Orchideenblüte.

Die Werkstatt der Modistin in Essen ist ein Garten voller Ideen. Manche sind noch unvollendet, nicht zu Ende gedachtes Rohmaterial: Filz-, Wolle- und Strohstoffe ragen in Rollen aus den Regalen an den Wänden. Ein Brett höher steht eine ganze Galerie von Hipp-Gläsern, gefüllt mit Glasperlen, Plüschpuscheln und allerlei anderem bunten Krimskrams. Zwischendrin stehen, hängen und liegen Hut gewordene Geistesblitze. Was fertig ist, zieht in die Auslage um. Die handgeschriebenen Preisschilder lassen weniger gut betuchte Hutfreunde aufatmen: Kopfschmuck gibt es schon ab 55 Euro. Aufwendige Hüte ab 265 Euro.

Inzwischen ist der Kopfschmuck fast fertig. Sogenannte Cockpins müssen noch Federn lassen: bis auf die Spitze rasierte, schwarzgefärbte Hahnenfedern, die die Hutmacherin nun stutzt. Ein halbes Dutzend hält sie in ihrer Hand. Die Kiele knacken, wenn sie das Büschel dreht, und die frisierten Federn zittern in ihrer Atemluft. Die Modistin angelt nach einem Becher auf dem Tisch, fischt einen Fingerhut heraus und klopft ihn auf den Mittelfinger. Mit dem drückt sie anschließend eine Nähnadel durch die Federkiele. Später werden sie zusammen mit der schwarzen Orchideenblüte im Haar einer Kundin erblühen. Und dann wird Ulrike Strelow die nächste Nachricht an den Himmel geschickt haben.

Monique de Cleur, geboren 1979, volontiert derzeit bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Sie studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik an der Universität Duisburg. Ihr journalistischer Schwerpunkt sind Bildungsthemen. 



Nicht erschienen, weil

Der Text im Rahmen eines Reportageseminars einer Journalistenschule entstanden ist, die Zeitung aber bereits über die Hutmacherin berichtet hatte. 

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Seit 2004 ist die offizielle Berufsbezeichnung des Huthandwerkers "Modist". Davor unterschied man zwischen Modisten und Hutmachern - Hutmacher fertigen Hüte für Herren, Modisten Kopfbedeckungen für Frauen.

In Deutschland gibt es etwa 200 Modisten für Frauenhüte.
Die Ausbildung dauert drei Jahre.

Ulrike Strelow feierte im Jahr 2010 das zehnjährige Bestehen ihrer "Hutmanufaktur" in Essen und hat schon einige Preise für ihr Hutdesign verliehen be-
kommen. Ihre Webseite:

www.hutmanufaktur.com


Foto: Carsten Burggraf

Ulrike Strelow in ihrer Werkstatt. Foto: Carsten Burggraf