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 23.09.2017

Heimat, das ist der röhrende Hirsch oder auch die Einbahnstraße. Collage: Susanne Pahler

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Neues Heimweh

Von Susanne Pahler

Läden voller kitschiger Hirschbilder, Hotels im Alpen-Chic, sächsische Bands in den Charts und Shirts, an denen man sofort erkennt, wo der Träger herstammt: Der eigene Ursprung ist überall Thema. Warum sehnen wir uns gerade jetzt danach?      
 

    Wunderbar fühlt sich das an. Heimat. Nach Geborgenheit, nach Aufgehoben sein. Auch ein bisschen nach Schwermut und Traurigkeit. Das Vertraute gewinnt an Bedeutung – gerade in dieser Zeit, in der wir mit Globalisierung, weltweiter Krise und Unsicherheit klar kommen müssen. Spürbar wird der Begriff Heimat in Deutschland seit einiger Zeit mit neuen Inhalten gefüllt. Die Menschen entwickeln ein neues deutsches Selbstverständnis: Die Liebe zur Heimat hat den üblen Beigeschmack verloren, sie drängt einen nicht mehr automatisch in eine rechtsradikale Ecke. Vorbei auch die Zeit, als junge Menschen bei Hirschbock, Alpenpanorama und Wilderer-Romantik die Nase rümpften. Im Gegenteil.

Lokal-Patriotismus ist salonfähig geworden – und schick: Starfotografen wie Ellen von Unwerth machen ihre Shootings in den Bergen. Modefotos für Magazine werden am bayerischen Ammersee fotografiert. Filme wie Rosenmüllers „Wer früher stirbt ist länger tot“ oder Franz Xaver Koetz’ „Brander Kaspar“ sind längst über den Weißwurstäquator hinaus der Renner. Und nicht nur in den Bergen entstehen Hotels und Restaurants im modernen Alpen-Chic. Hier werden weiß lackierte Geweihe zu Lampen umfunktioniert, Wände mit wettergegerbtem Holz verkleidet oder rot-weiß-karierte Tischkultur gepflegt.

Die Nähe behütet

„Das große Heimweh“ nennt Oliver Perzborn dieses Phänomen. Der Trendforscher aus Hamburg weiß, warum diese Rückbesinnung auf die Heimat, auf die Wurzeln des Ichs, gerade jetzt Mode ist: „Diese Suche nach Individualität ist die Gegenreaktion auf unsere Zeit, mit ihren großen gesellschaftlichen Umbrüchen und technologischen Schüben. Der Staat zieht sich immer weiter zurück, jeder ist mehr und mehr für sich selbst verantwortlich und dadurch extrem verunsichert. Da klammern wir uns eben an das Naheliegende: die Heimat.“ 

Vergangenheit und direktes Umfeld werden idealisiert und neu inszeniert. Das beobachtet auch Stefan Hirsch, Heimatpfleger des Bezirks Oberbayern. „Möglich wurde dieses Heimatbewusstsein erst dadurch, dass wir immer mehr fremde Kulturen kennen lernen. Durch die Reflektion öffnet sich unser Blick für das Eigene.“ Dass dadurch auch Traditionen wieder aufleben und weiterentwickelt werden, freut Hirsch ebenso wie die Tatsache, dass immer mehr Besucher des Münchner Oktoberfestes Tracht tragen.

Vielleicht liegt es am Wort an sich, dass Heimat gerade in Deutschland neue Anhänger gefunden hat: Es lässt sich kaum adäquat in eine andere Sprache übersetzen. Das englische home, die home town oder das homeland etwa treffen haarscharf am deutschen Verständnis vorbei. Am ehesten entspricht ihm wohl noch Gemütlichkeit oder Wohlbehagen – die Empfindungen, die wir im Idealfall mit Heimat verbinden.

Vertrautes in unsicheren Zeiten

Einer der Ersten, der den Boom erkannte und kommerziell für sich nutzte, war der Hamburger Edel-Friseur Michael Jung. Er erfand Ende 2002 unter dem Label „Cut for friends“ die Retro-Stadt-Jacke, auf der in großen Lettern der Name des Heimatorts aufgedruckt ist. Ab diesem Zeitpunkt gab es an jeder Straßenecke jemanden, der stolz darauf war zu zeigen, wo er herkommt. Völlig undenkbar war lange auch, was Eva Gronbach aus Köln inzwischen macht: Sie schmückt ihre Pullover mit provokanten, nationalen Symbolen wie dem Bundesadler und näht Miniröcke in Schwarz-Rot-Gold. Und Sehenswürdigkeiten wie das Brandenburger Tor werden inzwischen sogar auf Spülbürsten gedruckt.

Die Nähe ist eben interessanter geworden als das Fremde, sichtbar wird das in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens: Immer mehr deutsche Bands erobern die Charts, gerade in den vergangenen Wochen häufen sich hier heimische Interpreten – von den beiden Sächsischen Bands Silbermond und Polarkreis 18 über Peter Fox, Selig, Samy Deluxe bis zu Roger Cicero. In der Tourismusbranche boomen deutsche Ziele, denn in finanziell angespannten Zeiten entscheidet man sich lieber spontan – und bleibt deshalb in der Nähe. Derzeitige Boom-Region ist die Ostseeküste, an der im vergangenen Jahr bereits zwölf neue Hotels und Ferienanlagen entstanden sind, weitere folgen. Die Werbung setzt auf deutsche Slogans („Douglas macht das Leben schöner“ statt „Come in and find out“), allgemein spricht man nicht mehr vom Downloaden, sondern vom Runterladen oder Saugen, man geht nicht mehr joggen, sondern laufen.

Vom Ideal träumen

Trotz des generellen Trends bleibt Heimat jedoch für jeden etwas Mystisch-Subjektives: Der Begriff hat so viele Facetten, wie Menschen verschiedene Erfahrungen gemacht und dadurch Erinnerungen gesammelt haben. Deshalb ist Heimat auch so interessant: Wir verbinden damit etwas ganz Individuelles, das uns direkt betrifft. Für den einen mag es der blühende Apfelbaum im elterlichen Garten sein. Für den anderen vielleicht das Lachen einer fremden Frau, das so sehr an das der besten Freundin erinnert. Oder das Café mit den Kräutern hinterm Tresen, in dem man schon so viele intensive Gespräche geführt hat.

Selbst Wissenschaftlern und Philosophen fällt es schwer, den Heimatbegriff zu definieren. Worin sie sich jedoch einig sind: Heimat ist vor allem ein Gefühl, das meist dann auftritt, wenn sie nicht greifbar ist. „Das eigentliche Heimatgefühl ist das Heimweh“, schreibt etwa Bernhard Schlink, Jurist und „Der Vorleser“-Autor, in seinem Essay „Heimat als Utopie“. Das könnte die Lösung sein für das kleine Stück Melancholie, das der Begriff in sich trägt. Zehren wir doch von Momenten, in denen wir uns wohl gefühlt haben – und die unwiederbringlich verloren sind. Der Traum von der heilen Welt macht uns also auch klar, wo wir stehen und wann es uns gut geht. Ein Stück Selbsterkenntnis! Und ein Trumpf, den wir immer in der Tasche haben: Wer von der Idealwelt schwärmt, hat Illusionen und Fantasie – und bleibt trotz schnelllebiger Welt ein Mensch mit Herz und Wurzeln.


Susanne Pahler, geboren 1977, ist freie Redakteurin in München. Nach ihrem Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft volontierte sie bei der Zeitschrift Freundin und war dort anschließend Redakteurin. Ihre Schwerpunkte sind Kultur, Reise und Psychologie. Weitere Textproben auf ihrer Homepage www.texthandlung.com.



Nicht erschienen, weil

Der Text für das Entwicklungsprojekt eines Verlags erstellt wurde. 

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Meine Wurzeln und ich - Prominente sind viel unterwegs. Drei davon erzählen, was Heimat für sie bedeutet.


Christian Ulmen (33)

wuchs in Hamburg auf und machte schon als Kind seine ersten Radioaufnahmen: aus Faszination an der Technik und nur für den Eigengebrauch. Seitdem ist er Fernsehmoderator und momentan vor allem Schauspieler. Er lebt mit seiner Frau in Berlin.

"Für mich ist Heimat ein Gefühl, dass sich einstellt, wenn ich in eine bestimmte Stadt komme. Früher war das bei mir London, da habe ich drei Jahre gewohnt. Und immer wenn ich dort hin geflogen bin, habe ich beim Landen so ein angenehmes Gefühl von Freiheit gespürt. Jetzt lebe ich in Berlin, aber dort ist für mich viel mit Arbeit verbunden. Da hab ich keine so starken Heimatgefühle. Nur Heimatverratsgefühle – weil ich Hertha-Fan bin. Als Hamburger! Aber ich habe meine Fußballleidenschaft eben erst in Berlin entdeckt. Trotzdem habe ich diese Heimat-Freiheit, wenn ich nach Hamburg fahre und die Stadtgrenze passiere. Das fühlt sich an wie ‘Hier kenn ich mich aus’. Heimat-Utensilien nehme ich aber nirgendwohin mit. Ich bin auch kein Fototräger oder so was. Ich brauche keine Hilfsmittel, das habe ich alles im Kopf."


Barbara Schöneberger (34)
 
wurde in Gröbenzell bei München groß, studierte in Augsburg und wohnt inzwischen  in Berlin. Sie ist Fernsehmoderatorin und schreibt Kolumnen für verschiedene Zeitschriften:

"Ich unterscheide zwischen meinem Zuhause und meiner Heimat. Zu Hause bin ich dort, wo meine Wohnung ist, die mich begeistert, mein Tisch, mein Stuhl, meine Tasse. Aber meine Heimat ist definitiv München. Dort muss ich mich immer wieder aufladen, das macht mich glücklich. Ich nehme ganz lange Flüge in Kauf, nur um in München bei meinen Eltern zu sein - und um dort den Kühlschrank aufzumachen oder in die Süßigkeitenschublade zu schauen, auch wenn ich gar keine möchte. Für Heimatgefühle bin ich generell sehr empfänglich: Wenn ich zum Beispiel in Berlin auf Münchener treffe, höre ich deren bayrischen Einschlag sofort und fühle mich mit ihnen verbunden. Außerdem spreche ich spontan bayerisch mit ihnen. Das mache ich sonst nie, nichtmal mit meiner Familie. Und ich bin total neugierig, will wissen, auf welcher Schule sie waren. In München kennt ja jeder jeden um fünf Ecken."


Arno Makowsky (46)

lebt seit seiner Geburt in München – kurze Episoden in Freiburg ausgenommen. Er war seit Anfang der neunziger Jahre Journalist bei der Süddeutschen Zeitung und dort zuletzt Ressortleiter. Jetzt ist er Chefredakteur der Münchner Abendzeitung:

"Heimat verbinde ich stark mit Orten. Mit Erinnerungen an Dinge, die ich erlebt habe. Heimat ist für mich deshalb da, wo ich mich wohlfühle, wo ich die schönsten Cafés und Märkte kenne. Das heißt aber nicht, dass München für mich das einzig Wahre ist. Die Heimatstadt über alle andere Orte zu erheben, das fände ich provinziell. Ich kann mir deshalb auch vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben. Aber ich werde immer stark mit München verbunden sein. Meine Heimatliebe geht sogar so weit, dass ich in der Fremde den „Marienplatz“ suche, also das Zentrum, an dem – wie hier in München – alles zusammenfließt. Oder „Schwabing“, den Stadtteil, in dem Halli Galli ist. München dient mir einfach zur Orientierung. Dadurch weiß ich, wo oben und unten ist. Auch wenn ich das ungern zugebe, aber: Je mehr München ich in einer anderen Stadt finde, desto besser gefällt sie mir auf Dauer."