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 23.04.2017

Josef Hader hat detektivisches Gespür.  Foto: Gunnar Geller

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"Wenn's sein muss, gehe ich sogar zu Kerner!"

Im Gespräch: Josef Hader, österreichischer Kabarettist, Schauspieler und Autor, anlässlich seines neuen Kinofilms "Der Knochenmann" .


    In der Garderobe Josef Haders, kurz bevor er für eine Aufführung seines Programms „Hader muss weg“ auf die Bühne geht. Er sucht nach einer Steckdose für den Wasserkocher und schließt ihn schließlich auf dem Fußboden neben der Tür an. Fehlt nur noch der allabendlich zubereitete Ingwertee („Für die Stimme!“), doch das Ingwermesser ist unauffindbar. Macht nichts, Hader ist trotzdem gesprächig.


Herr Hader, zum dritten Mal spielen Sie nun in einer Verfilmung der Brenner-Romane. Sind Sie der Humphrey Bogart des deutschsprachigen Detektivfilms? 

Das ist eine Formulierung, die nur Journalisten einfällt! Nein. Für mich ist bei der Verfilmung der Kriminalromane von Wolf Haas nicht die Rolle das Wesentliche, sondern das Drehbuchschreiben. Zuerst einmal bin ich ja Co-Autor. Wolf Haas, der Regisseur Wolfgang Murnberger und ich versuchen uns auf einen Roman zu einigen und schreiben dann hintereinander Fassungen des Drehbuchs. Die Rolle kommt erst relativ spät daher, weil wir solange mit Umschreiben beschäftigt sind. Und das ist vielleicht auch gut so, zumindest bei einem Charakter, den man öfter spielt. Dadurch ist man etwas unbefangener.

Es ist sehr ungewöhnlich, dass der Hauptdarsteller, der Regisseur und der Autor der Vorlage gemeinsam das Drehbuch schreiben... 

Ja, mag sein. Es ist auch nicht immer ein lustiger Prozess, weil wir doch drei ganz unterschiedliche Sichtweisen haben. Wir sind sehr verschiedene Menschen, zwar höflich, aber sehr bestimmt in unseren künstlerischen Ansichten. Man geht da auch mal bis an die Grenzen seiner Höflichkeit, aber Gott sei dank nicht weiter, sonst wären wir alle schon zerstritten. Dafür ist es ein sehr lebendiger und spannender Prozess. Die Arbeitsweise, bei der immer zwei über das herfallen, was der dritte geschrieben hat, führt zu einer sehr darwinistischen Auslese: Nur die besten Ideen überleben. Insofern wissen wir alle drei, dass keiner von uns allein so weit kommen würde mit einem Drehbuch.

Sie entfernen sich auf diese Weise sehr von der Vorlage. Die Filme sind zum Teil so komplex, dass vom Zuschauer noch mehr verlangt wird als vom Leser des Romans. 

Der Film baut immer eine andere Art der Komplexität auf. Wir versuchen gar nicht, das Buch eins zu eins umzusetzen. Wir versuchen, eine eigene Struktur aufzubauen und die sieht dann auch ganz anders aus. Auch diesmal wieder beim „Knochenmann“. 

Ihre Art der Komik und die Kriminalromane von Wolf Haas passen auf den ersten Blick nicht so richtig zusammen. Wie hat sich die Zusammenarbeit damals ergeben? 

Der Murnberger und der Haas haben mich gefragt und ich habe gesagt: Ja. Und: dass ich gerne am Drehbuch mitschreiben würde und die Figur, die ich spielen soll, um die Hälfte weniger reden muss. Weil ich das Gefühl hatte, der Detektiv muss so ein Schweigsamerer sein. Wir haben dann an der Figur gearbeitet. Ich denke, dass mich die beiden von dem Film „Indien“ im Kopf hatten und meinten, das sei so eine Figur, zu der ich passe. Nicht dieselbe, aber es gibt gewisse Überschneidungen. 

Die ersten beiden Filme, „Komm süßer Tod“ und „Silentium“, waren in Österreich viel erfolgreicher als in Deutschland. Warum? 

In Österreich erreichen wir ein Kinopublikum, da sind wir Mainstream. In Deutschland kommen wir auf  Programmkinoniveau. Es ist halt ein österreichischer Film, für Kölner ist das wie ein Film aus Bosnien. 

Oder hat das was mit dem Humorverständnis zu tun? 

Nee. Auch deutsche Filme gehören ja nicht automatisch zum Mainstream, da muss sich ein Film schon sehr anstrengen, um dazuzugehören. Die Filmlandschaft ist eben sehr stark geprägt von amerikanischen Produktionen. Der Zuschauer akzeptiert kompliziertere Geschichten eher in einem amerikanischen Film als in einem heimischen. Vielleicht, weil er meist in der Ferne spielt. Da lässt man sich leichter eine Geschichte erzählen. Bei den Produktionen, die da spielen, wo man selber wohnt, denkt man sich: Na, ob das stimmt, was die da behaupten? Ich weiß nicht, warum es dem deutschen und österreichischen Film schwerer fällt, über die Ländergrenzen zu springen. Vielleicht schauen wir zu sehr auf den eigenen Nabel oder stecken zu fest in der E/U-Falle, trennen zu sehr zwischen Unterhaltung und Anspruchsvollem. 

Apropos Unterhaltung - Sie stehen nun seit über zwei Jahrzehnten auf der Bühne... 

25 Jahre! 

25 Jahre ständig unterwegs, 25 Jahre in Hotelzimmern, wäre es da nicht verlockend, mehr im Filmbereich zu machen und etwas sesshafter zu werden? Vielleicht selber Regie zu führen? 

Ich würd’s sehr gern machen, aber ich habe die Befürchtung, dass ich nicht geeignet bin für Filmregie, weil ich zu wenig stark schauen kann. Ich kann sehr gut hören, aber nicht so gut schauen. Man könnte natürlich sagen, na schön, dann bist du halt nicht der Typ für diese opulenten Filme, mehr für diese ganz kleinen minimalistischen, über so was denk ich schon nach. Aber generell bin ich besser mit dem Hören, ich sollte ein Symphonieorchester dirigieren, aber dazu bin auch zu wenig talentiert. Also bleibt mir nur diese Kleinkunstposition, bisschen Tingeln, bisschen Drehbuchschreiben, bisschen Mitspielen, bisschen Klavierspielen. Kabarettisten leben ja davon, dass sie alles ein bisschen können, da bin ich ein Paradebeispiel. 

Oder alles richtig gut können: Im Filmbereich gibt es doch zahlreiche komische Talente, die wahre Multitalente sind - Charlie Chaplin und Buster Keaton, Jaques Tati, Woody Allen oder auch Ben Stiller. 

Takeshi Kitano, das ist das ärgste Beispiel, finde ich. Ich kenne die Sendungen nicht, die er im japanischen Fernsehen hat, aber das müssen Shows sein...man kann sich schon vorstellen, nach welchem Humorprinzip die funktionieren. Und dann macht er aber auch diese schlanken, unglaublich minimalistischen, spannenden Filme, das ist für mich ein Wunder. Einer meiner Lieblingsregisseure. 

Haben Sie auch einen Lieblingsfilm? 

Ich mag das Kino des New Hollywood der siebziger Jahre sehr gerne. Wenn ich einen herausgreifen müsste, dann wäre das „French Connection“. Und ich bin ein großer Gene-Hackman-Fan, muss ich gestehen. Er ist kein so spektakulärer Schauspieler, hat aber eine Ausstrahlung, die mich sehr fasziniert. 

(Ein Mann kommt mit einem Messer herein – das Ingwermesser) 

Sie haben sich vorhin selber als Kabarettist bezeichnet. Fühlen Sie sich in der Schublade wohl? 

Na ja. Man kann sowohl über den Begriff Kabarett als auch über Comedy sagen, dass beides jeweils Dinge abdeckt, die großartig sind, wie Dinge, die es nicht sind. Wenn ich bei Comedy an wirklich gute Comedians denke, wie etwa Woody Allen oder Lenny Bruce, dann ist das meilenweit davon entfernt, was jetzt im Fernsehen damit bezeichnet wird. Und auch der Begriff Kabarett beschreibt sehr unterschiedliche Formen. Er ist nur am Anfang praktisch, damit das Kind einen Namen hat und sich die Leute ungefähr vorstellen können, um was für eine Art Programm es sich handelt. Deswegen habe ich anfangs ganz groß „Kabarett“ auf das Plakat geschrieben und sehr klein „Hader“ und mittlerweile schreib ich bloß noch „Hader“ drauf und brauch den Begriff nicht mehr, weil er auch nicht so recht trifft, was ich mache. 

Was also ist Kabarett in Ihren Augen? 

Es gibt sicherlich wunderbare Inszenierungen in kleinen Städten, manchmal, man muss Glück haben. Aber es gibt auch eine Form von Kabarett, die keinen Standpunkt einnimmt. Das ist dann so ein Abend, an dem man erfährt, dass Politiker grundsätzlich überbezahlt sind, verlogen und betrügerisch. Was wollen diese Leute? Eine Demokratie ohne Politiker? Mit Automaten? Ich weiß es nicht. Da werden die guten, die schlechten alle gleichermaßen möglichst hergewatscht, Hauptsache die Leute lachen. Das ist also eine Form von Kabarett, in der ich mich nicht so recht zuhause fühle. Die ist schlimmer als schlechte Comedy, weil sie ja tut, als hätte sie einen Anspruch. In Wirklichkeit passiert dasselbe, nur gibt man sich intellektueller aus. 

So intellektuell wie Marcel Reich-Ranicki und die Debatte um die Fernsehqualität. 

Das ist schon schön, wie aus niederen Instinkten, gekränkter Eitelkeit, große inhaltliche Diskussionen losgetreten werden. Da ist ein alter Mann böse, weil man ihn vier Stunden warten lässt; wäre er als Erster drangekommen, hätte er das selbstverständlich alles angenommen. Aber es ist doch wunderbar, was da für eine Debatte draus wurde, natürlich völlig folgenlos, frei nach Georg Schramm: Säue, die durchs Dorf getrieben werden. Immer eine schöne Beschäftigung, wenn grad nix andres passiert. 

Darf ich Ihnen eine völlig unintellektuelle Frage stellen? 

Nur zu. 

Welche ist die dümmlichste Frage, die ihnen bislang in einem Interview gestellt wurde? 

Dazu sagt Thomas Bernhard, es gibt keine blöde Fragen, es gibt nur blöde Antworten, und da übertreibt er nicht, er hat recht. Aber die unangenehmsten Fragen sind die, bei denen man sich selber eine Frage stellen soll. So zum Schluss kommt dann gerne „Was würden Sie sich denn gerne selber noch fragen?“ Oder, noch beliebter, im Kurzinterview im Radio, in der Morgen-
sendung: „Warum sollte man in Ihr Programm kommen?“ 

Im Radio müssen Sie antworten. 

Ah, da sag ich, Sie schwänzen ja ihren Beruf! Auch wenn wir nur 30 Sekunden haben, müssen Sie das über Fragen selbst rausfinden, ich will Ihnen nichts wegnehmen von Ihrer Arbeit. Ist ja auch kein Waschmittel, über das wir sprechen, sag ich dann. 

Okay, also: Was würden Sie sich gerne noch selber fragen? 

Haha. Ich würde gerne noch über den Film reden, über die Kollegen. An einem Tag mit Sepp Bierbichler, da konnte ich fast nicht spielen, vor lauter Respekt. Die Besetzung im „Knochenmann“ mit Bierbichler und Birgit Minichmeyer ist die beste, die wir je in einem Film gehabt haben.  

Das ist PR! 

Ich tue alles, wenn ich von einem Film überzeugt bin, da finden Sie mich überall! Ja, wenn's sein muss gehe ich sogar zu Kerner. Was ja so ist, als würde man ständig auf einer lauwarmen Teflonpfanne ausrutschen. 

Auch zu Gottschalk?

Ein Alptraum. Nicht wegen Thomas Gottschalk, aber es gibt kaum was Schwereres, als vor so einem großen Publikum eine Nummer zu spielen. Ein richtiger Alptraum. 

Aber Fernsehauftritte hatten Sie doch zur Genüge. 

Aber nicht vor so einem Millionenpublikum. Bei einer Sendung wie „Wetten dass“ ist alles spontan, alles passiert ohne Skript und dann kommt der Kabarettist und spielt da eine Nummer. Das kann nur schwerlich gut gehen. Plötzlich kommt da jemand und macht was, was er auswendig gelernt hat, mitten in einer Sendung, in der alles einfach passiert. Sehr schwer. Also, davon wollen wir jetzt nicht mehr reden, sonst träum ich schlecht!

Interview: Gunnar Geller


Gunnar Geller, geboren 1967, lebt und arbeitet als freier Journalist und Fotograf in Hamburg. Er betreibt außerdem einen Kinoblog, in dem die wöchentlichen Neustarts sowie Lieblingsfilme illustrer Köpfe vorgestellt werden: kinoprovinz.blogspot.com



Nicht erschienen, weil

Das Interview kurzfristig für ein anderes Interview in der Zeitung Platz machen musste.

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Josef Hader ist öster-
reichischer Kabarettist, Schauspieler und Autor.
Seit Mitte der achtziger Jahre ist er mit eigenen Kabarettprogrammen unterwegs und wurde 1991 mit seinem Stück „Indien“, das er mit Alfred Dorfer zusammen schrieb und spielte, bekannt. Mit dem gleichnamigen Film nahm auch seine Schauspielkarriere ihren Anfang, die neben zahlreichen anderen Produktionen zu den Verfilmungen der Kriminalromane von Wolf Haas führte. In „Komm süßer Tod“ (2000), „Silentium (2003) und „Der Knochenmann“ spielt er in der Hauptrolle den Privat-
detektiv Brenner und war immer auch am Schreiben der Drehbücher beteiligt.


Seine Bühnenprogramme und seine Darstellung in eigenen wie fremden Produktionen sind geprägt durch einen sehr zurückgenommenen, lakonischen Humor. Harald Schmidt bezeichnete ihn als „Ausnahmekabarettisten, denn er ist der einzige Kabarettist, über den kein anderer Kabarettist schlecht redet“.

Zur Zeit tourt er mit seinem aktuellen Programm „Hader muss weg“ durch die Bundesrepublik.


www.hader.com