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 24.11.2017

Begehrlichkeiten im Supermarkt.  Foto: iStockphoto.com/RapidEye

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Segen und Fluch des Habenwollens

Von Rolf Degen

Essay -- Börsencrash? Wirtschaftsrezension? Einen Schuldigen gibt es bestimmt. Nämlich den Raffgierigen. Aber Moment! Das Habenwollen hat viele Gesichter, vor allem unser eigenes.


    Als der Börsenmakler Gordon Gekko (Michael Douglas) 1987 in dem Film „Wall Street“ -  am Höhepunkt einer „Dekade der Gier“ -  großmäulig verkündete „Gier ist gut“,  konnte er noch auf die klammheimliche Bewunderung der Massen zählen. Jetzt sind sich alle politischen Lager einig, dass die unersättliche Habsucht rücksichtsloser Abzocker die Welt an den Abgrund des Ruins getrieben habe. Selbst der Papst predigt, dass man das „Haus des Lebens“ nicht auf schnöden Mammon bauen dürfe. 

Das Wort Gier hat seit jeher einen abschätzigen Unterton: Es bezeichnet ein aufgeputschtes, maßloses Verlangen nach Besitz und Status, das wie eine Sucht den Sinn für die Konsequenzen trübt. Gier setzt eine Welt voraus, die es ermöglicht, Reichtümer anzuhäufen und sich durch demonstrativen Wohlstand von anderen abzusetzen. Unsere steinzeitlichen Ahnen, die den größten Teil der Menschheitsgeschichte von der Hand in den Mund lebten, achteten noch penibel darauf, dass sich niemand zu viel vom „Kuchen“ der verderblichen Jagdbeute abschnitt. Erst der Siegeszug der Landwirtschaft vor 10 000 Jahren schuf die Grundlagen für die Jagd nach monumentalen Überfluss. Die frühesten Mahnmale der menschlichen Gier sind die ägyptischen Pyramiden. Das Verrückte ist, dass dieses Prinzip heute noch funktioniert. Nur, dass die Menschen sich heute nicht mehr die Mühe machen, Pyramiden zu bauen. Sie bauen einfach auf das Pyramidenschema; das Werk der Grabräuber dagegen zeugt eher von der Gier der „kleinen Leute“.

Aber auch die Neigung, Gier und Besitzstreben als krankhaft abzustempeln, zieht sich wie ein roter Faden durch die Kulturgeschichte. „Die Habsucht der Reichen vernichtet die Staatsverfassung“, lamentierte Aristoteles. Für den Apostel Paulus war sie die „Wurzel allen Übels.“ Das Christentum setzte die Habsucht („Avaritia“) auf die Liste der sieben Todsünden, ließ es sich aber nicht nehmen, den Herren mit phänomenalem Prunk zu ehren.

Erst die liberalen Denker des 17. und 18. Jahrhunderts machten im  Egoismus und im (mehr) Habenwollen die entscheidende Antriebskraft des Kapitalismus dingfest. „Nicht von dem Wohlwollen des Metzgers oder Bäckers erwarten wir, was wir zum essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen“, sinnierte Adam Smith 1776 im „Wohlstand der Nationen“. „Wir wenden uns nicht an ihre Menschenliebe, sondern an ihre Eigenliebe.“ Wie eine „unsichtbare Hand stelle der Wettbewerb einen natürlichen Ausgleich der Interessen her. „Keine Errungenschaft der Menschheit ist je durch staatliche Kommissionen entstanden“, huldigt der  Nobelpreisträger Milton Friedman der freien Marktwirtschaft. Alle Versuche, durch staatliche „Gierkontrolle“ eine bessere Welt zu schaffen, hätten unweigerlich im Massenelend geendet.

Solange der Tanz um das goldene Kalb Früchte trägt und den allgemeinen Wohlstand steigert, bleibt die Kritik am Gewinnstreben unterschwellig. Aber wenn die Warenwirtschaft über eine ihrer unvermeidlichen „Blasen“ stolpert – von der holländischen Tulpenblase über die Dotcomblase bis zur aktuellen Immobilienblase – dann steht plötzlich wieder die „krankhafte Gier“ am Pranger. „Es ist nie unsere eigene Gier“, höhnte Friedman, „es ist immer die Gier der anderen.“ Sein Reihenhäuschen will jeder mit dem günstigsten Kredit finanzieren und bei der Altersversorgung verlässt sich niemand auf christliche Nächstenliebe. Als ein Berliner Technikmarkt vergangenes Jahr mit Lockangeboten eröffnete, ereignete sich eine Stampede, bei der es zu Verwüstungen und 19 Verletzten kam. Keiner der Beteiligten wird nun das Recht auf die Jagd nach „Schnäppchen“ missen wollen, oder die Freiheit, Spekulanten „Heuschrecken“ zu nennen. Zwischen maßlosem Verlangen und aufgeklärtem Eigennutz lässt sich nie klar trennen. Wenn die Gier der Konsumenten schwächelt, so der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze, macht sich schlagartig die Furcht vor „Kaufzurückhaltung“ oder „fehlender Binnennachfrage“ breit.

Egal, ob Schnäppchenjäger oder Börsenprofi, unser Gehirn ist in bestimmten Situationen seinem Jagd- und Beutemodul ausgeliefert, erklärt der Berliner Verhaltensforscher Hans-Georg Häusel: „Das, was ich will, ist einerseits günstiger als erwartet, andererseits drohen andere, es mir wegzuschnappen.“ Dann wird das „Gierzentrum“ tief im Hirn mit Dopamin geflutet, und in der reflektierenden Großhirnrinde gehen die Lichter aus. Tatsächlich stimuliert die Erwartung, eine Belohnung zu erhalten, die Lustschaltkreise des Gehirns noch intensiver als die reale Erfahrung, den Gewinn einzustreichen. Wahrscheinlich hängt sogar unser Warenverkehr davon ab, dass Menschen unrealistische Erwartungen haben, meint der Harvard-Psychologe Daniel Gilbert. Es fragt sich, ob Menschen den Preis eines Autos oder Fernsehers entrichten würden, wenn sie genau wüssten, wie schnell der Lohn der Gier den Bach hinunter geht.

Der Kapitalismus ist in der Vergangenheit stets wie ein Phönix aus der Asche seiner Blasen auferstanden. Vielleicht wird gerade die Gier ein paar Waaghalsige dazu treiben, abgestürzte Aktien zu kaufen und die Welt zu retten, bis sie wieder untergeht. Doch just die Traumfabrik Hollywood, ihrerseits auf Egomanie und Gier gegründet, übt sich derzeit in Selbstverleugnung: In der angekündigten Fortsetzung von „Wall Street“ mutiert der haftentlassene Gordon Gekko zum Gutmenschen und beschließt, sich selbstlos für das Wohl der Allgemeinheit einzusetzen. 


Rolf Degen, geboren 1953, studierte Psychologie, Soziologie und Publizistik. Er lebt als freier Wissenschaftsjournalist und Buchautor in Bonn.



Nicht erschienen, weil

Das Thema von einem anderen verdrängt wurde.


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