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 23.09.2017

"Weißt du noch...?" Freundschaften leben auch von gemeinsamen Erinnerungen. Foto: Alms

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Feste Bande

Von Ines Alms

Gute Freunde sind unentbehrlich, aber sie fallen nicht vom Himmel. Auf Dauer die Nähe zu bewahren ist eine Kunst, die wir lernen können.   


    Was haben eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt und ein Kneipenbesuch mit Freunden gemeinsam? Einen Termin zu vereinbaren ist oft sehr schwierig, beide Ereignisse können am nächsten Tag Kopfweh bescheren und auf Dauer Nerven kosten. Und damit Zähne und Freundschaften nicht in die Brüche gehen, müssen wir sie sorgfältig pflegen.

Einen Termin beim Zahnarzt kann man verschieben, bei Freundschaften sollte man dies vermeiden. Deshalb ist in Annes Kalender ein dicker roter Kringel um den 12. Oktober gemalt, daneben steht „Therme mit Unimädels“,dahinter ein großes Ausrufezeichen. Das ist noch ein paar Wochen hin und kostete die 32-jährige Rechtsanwältin viel Organisationstalent. Wird jede Unternehmung mit Freunden so weit im Voraus geplant? Anne: „Nein. Spontane Treffen im Lieblingscafé sind natürlich möglich, vor allem wenn man sich nur mit der besten Freundin treffen will. Aber wenn die Gruppe größer ist, wird es schwierig. Jeder ist sehr in seinen Job eingespannt, zweimal die Woche geht’s ins Fitnessstudio und Wäschewaschen muss man auch irgendwann.“

Ungewöhnlich sind solche nüchternen Zeitvereinbarungen nicht. Viele Menschen zücken den Terminkalender, um Treffen mit Freunden wenigstens einmal im Monat möglich zu machen. Ist es ein schlechtes Zeichen für die Freundschaft, wenn man sich nur noch so selten sieht oder mit gleichem Planungsaufwand wie für ein Geschäftsessen?  Wenn man sagt „Ich habe keine Zeit“ und damit meint, dass etwas anderes im Moment wichtiger ist und sei es das Geschirr, das sich seit Tagen in der Spüle stapelt? Die Soziologin Jan Yager sieht in der Veränderung von Freundschaften eine natürliche Entwicklung: „Menschen haben oft die völlig unrealistische Erwartung, dass Freundschaften lebenslang dieselbe Intensität und Nähe aufweisen müssen.“ 

Dabei kann sich die Freundschaft auf einem neuen Niveau einpendeln. Anne hat für sich und ihre Freunde eine Lösung gefunden: „Wir sehen uns nicht oft, aber dafür erleben wir es umso intensiver. Nehmen uns bewusst Zeit füreinander. Das ist nicht so kurzlebig wie ein Kneipenbesuch, bei dem man sich zwischen Kölsch und Grappa schnell auf den neuesten Stand der Dinge bringt.“

Wie wir uns finden

Wie erklärt man Freundschaft? Bei Kindern ist das noch recht einfach. Ein Kind sagt „das ist mein Freund“ und meint damit oft die Person, mit der es immer spielt. Als Kind lernt man Freundschaften zu definieren. Täglich, zuweilen sogar stündlich werden Freundschaften geschlossen und aufgekündigt, weil der andere zu lange mit dem eigenen neuen Plastikbagger im Sand rumgefahren ist oder sich mit Yvonne angefreundet hat, die ja eine blöde Ziege ist.

Bei Erwachsenen ist der Freundschaftsbegriff zu komplex, um in einer einzigen Definition erklärt werden zu können. Es reicht zumindest nicht, wie Winnetou und Old Shatterhand das Blut zu tauschen, um Freund zu sein.

Der Schriftsteller Max Frisch hat in einem seiner Tagebücher einen Fragebogen entworfen, in dem unverzichtbare Merkmale einer Freundschaft genannt werden. Dazu gehören gemeinsame Interessen und Geheimnisse, Ehrlichkeit, Nachsicht gegenüber Fehlern des anderen, im Ganzen Einverständnis in politischen Ansichten und die Sicherheit, dass der eine, wenn schlecht über ihn geredet wird, nicht einfach zustimmt, sondern wenigstens Belege verlangt. Dass man einander allein dadurch ein gutes Gefühl gibt, indem man sich anruft oder schreibt. Auch Gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen gehören dazu. Der deutsche Philosoph Jean Paul formuliert den Freundschaftsbegriff so: „Zur Freundschaft gehört, dass wir einander gleichen, einander in einigem übertreffen, einander in einigem nicht erreichen.“

Horst Heidbrink, Psychologe und Mitherausgeber der Zeitschrift „Gruppendynamik und Organisationsberatung“, sagt: „Um Freundschaften zu schließen, sind ähnliche Lebenssituationen wichtig. Bei Kindern und im Studium ist das noch einfach. Im Beruf ist es schwieriger, Leute mit ähnlichen Vorstellungen und Interessen zu finden. Daher entstehen dort nicht so leicht Freundschaften.“ Denn wie Max Frisch sieht Heidbrink als Basis für Freundschaften gemeinsame Einstellungen und Interessen. Es spielt keine Rolle, ob das die Freundschaft zwischen einer 60-Jährigen und einer 30-Jährigen ist oder zwischen einem Griechen und einem Deutschen. Wesensunterschiede können sogar sinnvoll sein, denn oft sind sie eine Ergänzung der eigenen Persönlichkeit. Voraussetzung für Freundschaft ist, dass sie gleichberechtigt und ohne Zwang ist. Heidbrink erklärt: „Beispielsweise kann eine Freundschaft zu Arbeitskollegen schwierig sein, da es oft eine Über- und Unterordnung gibt. Ungleichberechtigte Freundschaften sind auch problematisch aufgrund der so genannten Austauschtheorie, bei der die Bilanz von dem, was ich in der Freundschaft gebe und dem, was ich bekomme, zwar nicht im Augenblick, aber auf lange Sicht ausgeglichen sein muss. Denn niemand möchte nur geben müssen.“

Das klingt sehr nüchtern, ist aber plausibel. Wenn ich merke, dass ich mehr in eine Freundschaft investiere als der andere, so werde ich den Einsatz – sei es Mitgefühl, Vertrauen oder Unterhaltung – einschränken, auf Dauer möglicherweise ganz einstellen. Warum wir Freundschaften schließen, begründet Heidbrink so: „Menschen können nicht alleine existieren. Sie suchen zunächst in der Gruppe von Gleichaltrigen nach Freunden. Für ein Kind ist dies ein Übungsfeld für alle Arten von Beziehungen, die man später eingeht. Die Familie reicht dafür nicht: Als Kind hat man die Chance, eigene Erfahrungen zu sammeln und sich Freunde zu suchen, die nicht dominant wie die Eltern, sondern gleichberechtigt sind. Daran kann ich erkennen, wer ich selber bin.“ Die Psychologin und Freundschaftsforscherin Ann Elisabeth Auhagen nennt einen weiteren Grund, warum wir Freunde suchen: „Freundschaften sollen unser Selbst bestätigen. Gute Freunde geben einem das Gefühl, liebenswert zu sein.“

Suchst du Streit?

Wenn die sechs Freunde aus der amerikanischen Erfolgsserie „Friends“ im Café einträchtig auf ihrem Stammsofa sitzen und Possen reißen, möchte sich manch Harmoniesuchender gern dazugesellen. Ihre meist trivialen Probleme untereinander werden ins Komische übersetzt und überdauern selten 30 Minuten inklusive Werbepause. Wirklichkeitsnah ist diese Szene nicht; Freunde sind nicht jeden Tag nett zueinander und zeigen auch Schwächen.

Wer sich schon einmal wochenlang von einem Freund das Gejammer über schlafraubendes Babygeplärre oder eine verloren gegangene Liebe angehört hat, weiß, dass man dafür Wahnsinnsgeduld und Nerven wie Drahtseile gut gebrauchen kann. Aber man leiht dem Freund ein offenes Ohr. Denn man weiß,dass man sich dafür eines Tages revanchieren möchte und kann. Manchmal wird das Maß für die Belastbarkeit einer Freundschaft überspannt und dann werden Kleinigkeiten Auslöser für ernsthafte Konflikte, welche die Freundschaft gefährden können. Als die wichtigsten Ursachen von Streit nennt Heidbrink die Eifersucht auf Dritte, das Ausplaudern von Vertraulichkeiten, öffentliche Kritik am Freund oder wenn man nicht freiwillig Hilfe anbietet, obwohl sie erwünscht ist und erwartet wird. Je enger eine Freundschaft ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie solche Krisen übersteht.

Kleinere Konflikte können auch positive Seiten haben: Wer, wenn nicht Freunde, sollte einen auf die eigenen Fehler hinweisen? Das gehört zu enger Freundschaft. Ein Freund zeigt Interesse am anderen, wenn er in Maßen Kritik übt. Wenn keine Auseinandersetzungen vorkommen, bedeutet dies unter Umständen, dass man eine Nähe gefunden hat, an der man nichts verändern möchte. Die Freundschaft wird in diesem Fall nicht enger, aber mit dieser Situation sind auch viele zufrieden. Es gibt darüber hinaus Krisensituationen, die Menschen zusammenschweißen, wenn sie gemeinsam bewältigt oder erlebt werden.

Weißt du noch

Vielleicht haben Sie etwas Ähnliches schon erlebt. Ein schönes Skiwochenende in einer romantisch abgelegenen Hütte geht zu Ende, alle sind startklar Richtung Heimat. Über Nacht hat es nochmal ein bisschen geschneit und was bei der Fackelwanderung noch eine großartige Atmosphäre schuf, wird nun zur Belastungsprobe mit dramatischen Zügen. Das erste Auto rutscht in eine Schneeverwehung, das zweite bleibt am Berg hängen. Da helfen keine Spikes und keine Schneeketten, der ADAC schon gar nicht. Dunkel ist es inzwischen ohnehin, der Schlüssel für die Hütte im Briefkasten eingeworfen, die frostigen
Füße spürt man lange nicht mehr. Doch Not macht erfinderisch und mit vereinten Muskelkräften und einer Spur Idealismus kommt man noch gut nach Hause. So unangenehm diese Situation ist, sie kann eine große Bereicherung für die Freundschaft sein. Das gemeinschaftlich bewältigte Erlebnis verbindet und gewinnt rückblickend sogar eine ausgesprochene Komik. In den nächsten Jahren wird man mit den Worten „Weißt du noch...“ herzlich darüber lachen.

Man muss sich nicht in brenzlige Situationen begeben, um Freundschaften zu halten oder zu vertiefen. Es kann reichen, wenn man gemeinsame Rituale pflegt. Aktivitäten mit Freunden sind laut Heidbrink für jeden wertvoll, weil jeder in gleichem Maße nimmt und bekommt. Und gelegentlich sind ein großzügiges Zeitopfer und ein bisschen Schöpfergeist bei den Unternehmungen sehr empfehlenswert, um seine Interessen untereinander zu bestärken. Das kann eine Lama-Trekking-Tour im Allgäu sein, der professionell inszenierte Videodreh oder das kollektive Gruseln in einem Geisterschloss. Geschmäcker sind verschieden, also planen Sie lieber nicht alleine: Wäre das nächste Treffen in der Stammkneipe nicht ideal für ein gemeinsames Brainstorming zu Ausflugmöglichkeiten?


Ines Alms, geboren 1977, studierte Ökotrophologie, volontierte beim Gräfe und Unzer Verlag und absolvierte die Burda Journalistenschule. Sie arbeitet als Redakteurin bei BurdaYukom Publishing in München. Ihre Schwerpunkte sind Ernährung und Gesundheit.



Nicht erschienen, weil

Der Text für das Entwicklungsprojekt eines Verlags erstellt wurde. 


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Ein Freundschaftsgefühl:

"Ein Leben ohne Freunde ist kein Leben, wie behaglich und gesichert es auch sein mag. Nicht irgendwer, nicht jeder kann dein Freund sein. Es muss jemand sein, der dir so nah ist wie deine Haut, jemand, der deinem Leben Farbe, Dramatik, Bedeutung verleiht. Irgend etwas jenseits der Liebe, das dennoch Liebe mit einschließt."

Henry Miller (1891-1980), Schriftsteller.