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 29.05.2017

...und die Gitarre immer griffbereit.  Foto: Sony BMG

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I am there

 
    Gefragt, was er denn nun mit all dem vielen Geld mache, antwortete er: „Ich nähe 75 Millionen Dollar in meinen ältesten Anzug, wandere aus und kaufe Australien.“ 

Rundum von und mit sich berauscht, baute er dann den bekanntesten Motorradunfall der Rockgeschichte. Danach zog er sich für ein paar Jahre zurück. Er mimte den biblischen Stammesvater, zeugte mit seiner Frau, dem Ex-Model Sara Lownds, vier Kinder, lebte kerngesund, führte ziemlich hässliche Hunde aus, jodelte glockenhell-fröhliche Countrysongs und provozierte seine „linke“ Gefolgschaft mit einer gepflegten Männerfreundschaft zum politisch rechts geltenden Country-Western-Macho Johnny Cash. 

Dylan drehte 1973 als Schauspieler mit Regisseur Sam Peckinpah den Western „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ und schrieb dafür auch den Film-Soundtrack, darunter das legendäre „Knocking on Heaven’s Door“. In der Ehe knockte es auch heftig und die Lieder des Scheiterns finden sich auf seiner vielleicht besten Platte „Blood on the tracks“. Sie drehen sich um den Krieg zwischen Mann und Frau, sind getragen von einer Zärtlichkeit und Brutalität, Hingabe und Intimität, die einem heute noch das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es gibt kaum ein Werk der modernen Musikgeschichte, in dem es vergleichbar bedrückend zugeht. Nach der Scheidung 1977 machte Dylan in privater Hinsicht dicht. Zu viele unwürdige, hässliche wie imageschädigende Details drangen nach Außen; Prügeleien, Suff, Nebenfrauen, Vermögensaspekte. Ob beste Freunde, Bandmitglieder, Vermögensberater, Veranstalter, Boxtrainer oder Leibköche - im Dylanclan herrscht bis heute die perfekte Omerta, einhelliges Stillschweigen. 

Im Jahre 1976 scharte Dylan nahezu alle reisefähigen amerikanischen Kulturschaffenden um sich, darunter Sam Shepard, T-Bone-Burnett, Allen Ginsberg, Joan Baez, Joni Mitchell, Gordon Lightfoot und tourte unter dem halbindianischen Logo „Rolling Thunder“ monatelang quer durch Amerika. Das Unternehmen ähnelte modernem Mittelalter, purer Shakespeare, der ultimative Rock’n’Roll-Zirkus stets in der Nähe zum finalen Kollaps. 

Religiöse Heimsuchung im Hotelzimmer

Während eines Konzerts in San Diego im Herbst 1978 warf jemand ein silbernes Kreuz auf die Bühne. Entgegen aller üblichen Gewohnheiten hob Dylan es auf und steckte es in die Hosentasche. Drei Tage später erfuhr er in einem Hotelzimmer in Tuscon, Arizona, angeblich eine religiöse Heimsuchung: „Jesus klopfte mir auf die Schulter und sagte, Bob, warum sperrst Du Dich denn so? Wieso lehnst Du mich ab. Ich sagte, ich lehne Dich nicht ab. Die Stimme fragte: wirst Du mir folgen? Ich antwortete na ja, ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht.“ 

Dylan dachte nach und trat 1978 der „Born Again Christians“-Sekte in West Los Angeles bei, bei der auch Ronald Reagan Mitglied war. Mehr als zwei Jahre lang folterte er die Fans mit religiösen Platten und die Konzertbesucher mit missionarischen Predigten über das nahe Ende und andere vage Gewissheiten. So uferlos überladen seine Lyrics in jener Zeit daherkamen, so ungewohnt melodisch performte er mit seinem Gospel-Backgroundchor. Langweilig wurde es nie. Fast überall, wo der konvertierte Goj in seinen Jesus-Jahren aufkreuzte, wollte ihn das Publikum - wie eingangs erwähnt in Berlin - umgehend zum Teufel schicken. 

Ob Dylan seiner Zeit voraus ist oder ihr hinterher läuft - schwer zu sagen. Tatsache ist, dass er ihr nicht entspricht, sie nicht bedient, sie ignoriert. So hat er immerhin 45 Jahre Showbusiness unbeschadet überstanden. Als alle Welt nach Protestliedern schrie, spielte er Love&Hate-Songs. Als man nach Folk gierte, spielte er knallharten Rock’n’Roll. Als der Punk abging, kümmerte er sich um Raggaeversionen seiner Klassiker. Als der New Wave die hohlen Achtziger untermalte, beschäftigte er sich mit Gott und Gospel. Die Musikwelt erlebte Brit-Pop und Grundge; Dylan warf zwei akustische Garagen-Blues-Scheiben ins Rennen. Und als am 11.9.2001 die Türme in New York zerbarsten, servierte er am selben Tag eine undurchschaubare Gatsby-Swingplatte mit dem Titel „Love and Theft“. 

Zu Bush I und zu Bush II hat Dylan I bis heute kein öffentliches Wort verloren. Auch beteiligte er sich selten an Benefiz -und Charity-Events. Und tat er es doch, wie beim Live-Aid-Konzert für Afrika, dann machte er sich dort plötzlich und nicht ganz nüchtern für verarmte US-Maisbauern stark. 

Seit 1987 ist dieser Dylan mit wechselnden Formationen „on the road“ und bringt es weltweit auf 120 Gastspiele pro Jahr. Diese härteste Dienstreise der modernen Kulturgeschichte führte ihn nach Aschaffenburg, Tokio, Ischgl, Cagliari, Cardiff, Faro, Paris. Angesichts der bevorstehenden 09-Europa-Tour drängt sich die Frage auf, warum sich der wahrscheinlich vermögendste Musiker aller Zeiten diesem letztlich doch komfortlosen Tingeln aussetzt. Zumal auch sein Minenspiel nicht stets pure Verzückung ausdrückt. 

Malen gegen das Stimmungstief

Ein Grund mag sein, dass es ihm einfach mehr Spaß und Freude bereitet als Golf zu spielen; kein Wunder bei einem Handicap 17. Da bei ihm aber nun mal der Draht zum Himmel glüht, könnte diese freiwillige Fron auch zurückgehen auf ein Ereignis am 5. Oktober 1987. Um das schweizerische Locarno stand ein Nebel wie in einem anatolischen Hamam und es regnete in Strömen. Dylan hatte die Kapuze über den von vielen Zweifeln verwöhnten Lockenkopf gezogen und schlenderte über den mittäglichen Marktplatz. Und dann war da wieder einmal diese Stimme, eine physische, konkret spürbare Stimme und die sagte angeblich: „Du bist dazu bestimmt, standzuhalten. Du musst jeden Abend singen. Du musst jeden Abend Deine Lieder singen. Und warte nicht länger darauf, ob Gott dich erlöst oder nicht." 

Dass Dylans Stimme, die laut Times klingt „als käme sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums“, als Folge dieses Himmelfahrtskommandos leidet, kann ihm nur recht sein. Sie ist nun mal sein Kapital und spiegelt all seine Ups und Downs wider, dramatische Einbrüche, Ehrungen, Triumphe, Krisen, Anbetungs- und Verachtungswogen. Wenn er zwischen Flughafen, Hotels, Bars, Bühnen, Bus, Lokalen und dusteren Hallen droht in ein Stimmungsloch abzugleiten, holt er seine Farben und malt. Im Sommer 2008 waren im mondänen Haus der Chemnitzer Kunstsammlungen 170 seiner Gouachen und Aquarelle ausgestellt, farbkräftige und expressive Szenen und Sujets - Frauen und Männer, Akte, Portraits, Stilleben, Stadtansichten, Straßen, Bahngeleise, Hafenszenen; sehr eindringlich, satt und wohlig und vom seltsamen Zauber einer rundum erfüllten Leere getragen. 

Das erweckte Obama-Amerika liegt seinem radikalsten Außenseiter heute zu Füßen. Da mag er noch so defätistisch daherwüten mit seiner „Everything is broken“-Koketterie und Sätze fallen lassen wie: „Wenn Du denkst, du hast alles verloren, merkst du, dass du immer noch ein bisschen mehr verlieren kannst.“ Dylan ist die Erfolgsgeschichte der Würde, des Individualismus, der Rebellion und der Authentizität. 

Jeder halbwegs anerkannte Künstler, heute befragt, welche Person der Zeitgeschichte ihn am meisten beeinflusst hat, wird den Namen Dylan oben in seiner Vorbildliste führen. Für die New York Times gilt er als „die markanteste Persönlichkeit unserer Zeit nach John F. Kennedy.“  Newsweek versichert, dass „Dylan für die Popmusik das Gleiche ist wie Einstein für die Physik.“ Bruce Springsteen ergänzt: „Bob hat unseren Geist befreit, so wie Elvis unsere Körper befreit hat.“ Und einer von Dylans besten Freunden, der Konzertveranstalter Ben Johnston, sieht die Sache so: „Gott hat ihm, anstelle ihn zu berühren, regelrecht in den Hintern getreten. Bob kann nichts für das, was er tut. Er hat den Heiligen Geist in sich.“


Wolf Reiser, geboren 1955, ist freiberuflicher Autor in München und schreibt u.a. für den stern, Zeit-Magazin, Playboy, Madame, FAZ und SZ. Er studierte 
Germanistik, Theater- und Literaturwissenschaften in Berlin und München.



Nicht erschienen, weil

Die Zeitung bereits einen hausinternen Autor mit dem Thema beauftragt hatte. 

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Europatournee 2009:

Zwischen dem 31. März und 5. April 2009 treten Bob Dylan und Band in fünf deutschen Städten auf:

Dylankonzerte beginnen inzwischen so pünktlich wie die Tagesschau, dauern so lange wie ein Champions-
leagespiel, sind fast immer ausverkauft und bringen inzwischen ein Publikum aus drei Generationen zusammen. Viele seiner neuen Fans gewann Dylan mit seinem vorletztem Album „Modern Times“, das ihn genau 30 Jahre nach dem Erfolg von „Desire“ wieder an die globale Charts-Front einberief. Der jüngste Coup ist sein aktueller Bootleg-CD-Block „Tell Tale Signs“, ein virtuoses Konvolut aus poetischen Schätzen und archaischen Meisterwerken. Cooler Workingman-Blues bestätigt, dass er der Barde des Friedens, der Frechheit, der Freiheit, der Frauen und alles Farbigen war, ist und bleibt.

Speziell in Deutschland ist das Dylanbild über jeden Dylan erhaben. Seine Balladen waren und sind der Soundtrack zum Ohnesorg-Juni, zu Brandts Kanzlercoup, zu Schleyers Entführung, zum Startbahn-West-Zoff, zum vermasselten Abitur und der ekstatischen Acid-Defloration.

Tourdaten Deutschland
2009:

31.03. Hannover, AWD-Hall

01.04. Berlin,
Max-Schmeling-Halle
02.04. Erfurt, Messehalle
04.04. München, Zenith
05.04. Saarbrücken, Musikfestival Saar