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 24.11.2017
Bild Trabant Berlin
Eigenes Auto? Das war einmal. Carsharing ist ökologischer und günstiger . Foto: istockphoto.com/Michal Durinik

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Mein Auto, dein Auto

Von Michaela Maria Müller

Mit vollen Einkaufstüten im Gedränge der Tram? Nee, dat muss nicht sein. Berliner haben längst erkannt, dass Carsharing nicht nur eine günstige Alternative zum eigenen Auto ist, sondern auch eine praktische Ergänzung zu den öffentlichen Verkehrsmitteln.   


   Eigentlich müsste der Rapper Sido Kunde sein: „Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein zu Hause, mein Block“, textet er. Die Heimat liegt vor der Haustür. Zwei Drittel der Wege innerhalb Berlins werden im eigenen Bezirk zurückgelegt. Das will sich auch das Carsharing zunutze machen. 

Schon bei der Anmeldung bei einem der Anbieter wird klar, dass man sich nicht als Konkurrenz zum öffentlichen Nahverkehr versteht, sondern, ganz im Gegenteil, zusammen arbeitet. Zur Freischaltung etwa muss der Führerschein vorgelegt werden, was die niederländische Firma Greenwheels zum Beispiel über die BVG im Kundenzentrum am Bahnhof Zoo abwickelt. „Freischaltungen für Carsharing-Kunden machen wir drei- oder viermal am Tag“, bestätigt der BVG-Mitarbeiter. Gebucht wird telefonisch, im Internet oder mit einer App auf dem Smartphone. Am Auto wird die Chipkarte, die man bei der Anmeldung erhalten hat, über einen Sensor an der Windschutzscheibe gelegt, daraufhin öffnet sich die Zentralverriegelung. Der neugierige Bordcomputer, in dem der Schlüssel steckt, wartet im Handschuhfach auf Anweisungen. Zuerst fragt er nach der Geheimzahl. Dann will er wissen: „Hat das Auto neue Schäden?“ Also einmal um den Wagen gehen und nachschauen. „Nein“ gedrückt, Spiegel einstellen und Motor starten.

In einer Großstadt mit gut ausgebautem öffentlichen Nahverkehr ist Carsharing eine gute Ergänzung, etwa für den Großeinkauf oder wenn man mal keine Lust hat, an der Bushaltestelle im Regen zu warten. Für Willi Loose, Geschäftsführer des Bundesverbandes Carsharing, hat der Mobilitätsmix aus öffentlichem Nahverkehr, Auto und Fahrrad Zukunft. Das Argument, Berlin sei zu groß, um autolos zu leben, lässt er nicht gelten: „Ein Großteil des Lebens spielt sich in den Bezirken ab. Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass der räumliche Radius bei der Nutzung von Carsharing kleiner wird. Man fährt für Besorgungen nicht mehr kreuz und quer durch die Stadt.“ In Deutschland gibt es inzwischen rund 160.000 angemeldete Kunden und etwa 4.500 Fahrzeuge verschiedener Anbieter. Die Zuwachszahlen der letzten Jahre liegen zwischen 15 und 20 Prozent.

Seit 1988 gibt es Carsharing in Berlin. Der erste Anbieter war StattAuto, der sich heute Greenwheels nennt. Carsharing ist keine Berliner Erfindung, aber die Organisatoren waren damals ein bisschen schneller als in anderen deutschen Städten. Mittlerweile gibt es fünf große Anbieter. Die Deutsche Bahn nennt ihr Angebot „Flinkster“, die Stadtmobil-Gruppe „Cambio Carsharing“. Auch Vermieter haben das Konzept des Autoteilens für sich entdeckt. In Berlin ist Sixt mit „DriveNow“ und „Hertz on Demand“ neu am Markt. Letztere lockten bis vor kurzem noch mit 20 Freikilometern pro Buchung. Das ist Willi Loose ein Dorn im Auge, es widerspricht den Statuten des Verbands: „Die Kunden sollen durch das Tarifsystem zu einer sparsamen Nutzung bewegt werden. Es soll bewusst kein Anreiz zu mehr Autokilometern als benötigt gegeben werden.“

Die Kosten für den Carsharer setzen sich aus vier Teilen zusammen: einer monatlichen Grundgebühr, einem Zeitpreis, einem Tarif für die gefahrenen Kilometer, der meist schon die Kraftstoffpauschale beinhaltet. Aber die kostenpflichtigen Anrufe bei der Servicehotline müssen hinzugerechnet werden, etwa wenn eine Buchung verlängert wird, ein Wagen sich nicht öffnen lässt oder erst gar nicht auf dem Parkplatz steht, weil der vorhergehende Nutzer sich verspätet. Der Anbieter DriveNow hat das Leihsystem nun flexibler gemacht. Es gibt keine festen Standorte mehr. Wo das nächste Fahrzeug steht, wird mit einer App abgefragt. Eine monatliche Grundgebühr gibt es nicht, die Minute kostet 29 Cent. Doch außerhalb des S-Bahn-Rings nimmt das Autoangebot schnell ab.

Natürlich eignet sich die geliehene Mobilität nicht für jeden. Wer als Berufspendler auf das Auto angewiesen ist, zum Beispiel. Denn steht es ungenutzt in der Parklücke vor dem Arbeitsplatz, wird ein hoher Zeittarif fällig. Aber Carsharing hilft auch, sich über Mobilitätsgewohnheiten klar zu werden. „Wir haben es ausprobiert, haben aber das Probeabo nicht verlängert. Ein Auto brauchen wir meistens nur für Wochenendeausflüge. Da sind die Tarife der großen Vermieter oft günstiger“, sagt Julia Hornig. Die dreiköpfige Familie aus Schöneberg leiht sich außerdem ab und zu das Auto der Nachbarin, das reicht. Alle anderen Wege legen sie mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr zurück. Aber auch der Carsharing-Kunde tut gut daran, sein Mobilitätsverhalten regelmäßig zu hinterfragen: Wenn das Auto im Winter häufiger genutzt wird, lohnt es sich für die kalte Jahreszeit einen höheren Monatstarif zu wählen, der die einzelnen Fahrten günstiger macht.

Etwa 25 Prozent der Nutzer sind Geschäftskunden, einige auch aus dem gleichen Konzern der Carsharing-Anbieter. So zum Beispiel die DB ProjektBau GmbH, ein Infrastrukturunternehmen der Deutschen Bahn. Der Leiter des Fuhrparks, Matthias Heymann, stellte bereits im Jahr 2006 um. 14 Autos wurden an die DB-Tochter Flinkster übergeben. „Wir nutzen Carsharing intensiv. Für uns ergibt sich ein Einsparpotential von mehreren tausend Euro im Jahr. An der Baustelle am Ostkreuz nutzen es unsere Ingenieure häufig. Es ist aber nicht immer möglich, wie am Flughafen BBI, da dort nur gemeldete Fahrzeuge eingesetzt werden können“, sagt Heymann. Die Verleihstation ist neben der Baustelle, die Autos werden über das Buchungssystem von Flinkster reserviert. Andere Geschäftskunden nutzen Carsharing ebenfalls, um flexibel zu sein und die Kosten niedrig zu halten: Wenn ein Wagen gebraucht wird, das nicht im eigenen Fuhrpark vorhanden ist oder zu Spitzenzeiten ein größerer Bedarf besteht.

Die Klimabilanz der Carsharing-Flotte von Flinkster kann sich indessen sehen lassen. Die Fahrzeuge sind zu 70 Prozent Kleinwagen mit niedrigen Emissionswerten. Der CO2-Ausstoß beträgt nach einer Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin durchschnittlich 148 g/km. Auch Elektroautos sind im Kommen: So findet der Flinkster-Kunde schon 14 Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb im Stadtgebiet. Den prominentesten Parkplatz hat ein Citroen C-Zero. Er parkt vor dem Ritz-Carlton.

 

Michaela Maria Müller studierte Geschichte und Politikwissenschaften. Sie arbeitet als freie Journalistin in Berlin und hat sich schon für alternative Mobilität interessiert, als es den Begriff vermutlich noch nicht gab. Ihre Webseite: www.vitzliputzli.de 




Nicht erschienen, weil

Der Text in der Printausgabe nie Platz hatte und der Redakteur ihn irgendwann vergass. 

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