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 17.10.2017

Das schwarze -  ein Männerbein?  Foto: Rainer Sturm/pixelio

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Von Pinguinen und Kolibris

Von Michael Gückel

Ein wolkiges Tutu, weiße Stulpen und zartrosa Schläppchen - kann ein Mann im Ballett tanzen und sich dabei trotzdem männlich fühlen? Michael Gückel probierte es aus. Ein Selbstversuch. 


    Ich bin ein Pinguin. Zumindest fühle ich mich so, als ich in die übermächtige Spiegelwand des Ballettsaals blicke. Ein Pinguin steht ungelenk inmitten von Kolibris in der Münchner Ballettschule von Christiane Böhm. Ich bin auf Konfrontationskurs mit meinem Selbstbild. In den vergangenen 24 Stunden hat sich kontinuierlich eine innere Spannung in mir aufgebaut. Schon als ich am Abend vor meiner ersten Ballettstunde die Gummibänder an meine neu erworbenen Schläppchen der Größe 17M genäht habe, gingen mir die furchtbarsten Szenarien durch den Kopf. Schließlich ist die Ballettschule ein Ort, der den Durchschnittsmann mit einer Reihe von Urängsten konfrontiert: der Furcht, sich lächerlich zu machen, Schwäche zu zeigen, zu weiblich oder gar „schwul“ zu wirken. Und zu versagen.

Jetzt ist es gleich so weit. Ich streune vor der Ballettschule herum und lösche geschäftig alte Kurzmitteilungen aus meinem Handy. Übersprungshandlung. Ich warte bis ein Mann die Treppe hochgeht, und schlüpfe hinter ihm in die Ballettschule. Er ist kein Leidensgenosse, sondern holt nur seine Tochter ab. Also muss ich selbst eine verirrte Frau aus der Männerumkleide vertreiben. „Ich mach mich da immer breit. Da ist ja sonst nie einer.“ Ein gutes Omen. Als ich in den Saal komme, sind da nur Mädels. Sie machen Dehnübungen auf Gummimatten. Katja, Tatjana, Melanie und andere scheinen sich auf männliche Verstärkung zu freuen. Noch. In diesem riesigen Saal gibt es viel Platz für Peinlichkeiten. Eine Seite ist komplett verspiegelt – Linoleumboden, Stangen, Klavier. Draußen sind 30 Grad, im Raum gefühlte 50 und in mir drin 300.

Christiane Böhm kommt in den Saal geflattert. Sie ist unglaublich respekteinflößend, trotz ihres quietschrosa T-Shirts. Ihre helle, feste Stimme macht sofort klar, wo's langgeht. Sie ist der Boss im Saal. Alle stellen sich an der Stange auf. Ich werde zwischen die Mädels gesteckt. Ich soll mir „was abschauen“. Es nennt sich Anfängerkurs, doch man merkt schon deutlich, dass die das seit einem guten halben Jahr jede Woche machen. Das Klavier klimpert von CD und die Noten spielen Pingpong auf den glatten Oberflächen des Saals. „Pliiiii-eeeeé!“, schrillt es durch den Raum. Mit jedem Vokal kreischen meine Sehnen mit. Ich gehe in die Hocke und spüre Muskeln, die ich wohl schon länger nicht mehr benutzt habe. An der Wand hängt eine Uhr, die Zeiger scheinen stillzustehen.

Die Übungen werden immer anstrengender und komplexer. „Wenn ihr diesen Knoten erst mal raushabt, dann könnt ihr das Bein bis hinters Ohr pfeffern!“, verspricht Böhm. „Wo ist das nächste Krankenhaus“, fragt die mit geschätzten 50 Jahren älteste Ballerina. Gute Frage, denke ich. „Gegenüber“, antwortet Böhm. Wir müssen uns auf die Zehenspitzen stellen und freihändig stehen. Dann geht’s wieder in die Hocke. „Plié!“ Meine Knie zittern. Christiane Böhm greift meine Hand und sagt: „Tapfer!“ Ich komme wieder hoch.

Die Spiegelwand verzeiht nichts, sie ist gnadenlos ehrlich – und ich hasse sie dafür. Das ist ihr Zweck, denn Ballett ist eine Kunstform, bei der es auf Nuancen in den Bewegungen ankommt; Körperspannung und Timing müssen exakt stimmen. Es ist wichtig zu wissen, wie einen die anderen sehen. Die anderen tun mir in meinem Fall fast leid. „Fondu! Fondu!“, endlich etwas, das ich kenne. Doch so richtig schmeckt meinem Körper diese Schmelzübung nicht. Krampf im Fuß. Ich wusste nicht, dass so etwas möglich ist. Vielleicht gibt es deshalb nebenbei noch Anatomie-Nachhilfe. Böhm hält ein Kurzreferat über die Elastizität der Beckenknochen. Unter anderem wichtig beim Ballett und bei der Geburt. Männer seien da leider im Nachteil. Das habe ich schon bemerkt.

Es gibt weniger als zehn Prozent Männeranteil in der Ballettschule von Christiane Böhm. Meist kommt in jedem Kurs nur ein einziger Mann auf gut zehn Frauen. In meinem Kurs übernimmt Peter die Rolle des Quoten-Ballerinos. Er trägt hautenge Leggins. Beim ersten Anblick denke ich: „schwul?“. Diese Assoziation zwingt sich mir geradezu auf.  Ich soll mit Peter im Gleichschritt quer durch den Saal hüpfen. Im Spiegel sehe ich ein grausames Bild. Mit diesem Höhepunkt sind die 90 Minuten vorbei. Alle klatschen. Ich schwitze und bin ziemlich alle. Aber meine Lektion habe ich gelernt. Ballett ist eine hervorragende Desensibilisierungstherapie für Männer. Lerne deinen Körper kennen und wachse über dich hinaus, ohne dabei schwul zu werden. Ich könne gerne wiederkommen, sagt man mir zum Abschied. „Mal sehen“, antworte ich. Dann gehe ich mental gestärkt und so elastisch wie nie schnurstracks zum nächsten Rockkonzert. 


Michael Gückel, geboren 1981, arbeitet als freier Journalist in Berlin und schreibt u.a. für die taz. Zuvor war er Redakteur bei einer technischen Fachzeitschrift in München, wo er auch ein Volontariat absolvierte. Er studierte Medientechnik an der Hochschule Mittweida. Nebenbei betreibt er zusammen mit drei weiteren Journalisten das Online-Satire-Magazin www.milzwurst-deluxe.de.



Nicht erschienen, weil

Der Selbstversuch keinen Abnehmer fand.

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Ballett ist eine Kunstform des Tanzes, die eine Geschichte nicht mit Worten, sondern mit Musik und Tanz zu erzählen versucht.

Die Ballettkleidung besteht aus Ballettschuhen (Schläpp-
chen, Spitzenschuhe, Charakterschuhe) und der Oberkleidung (Ballettanzug, Feinstrumpfhose, Stulpen).
 
Zu den Übungen gehören fünf bis sechs Fußpositionen und sieben Bewegungsarten: Plier (beugen), Glisser (gleiten), Tourner (drehen), Entendre (strecken) Sauter (springen), Relever (er-
heben), Elancer (schnellen).
Eine Übungsstunde folgt in der Regel diesem Ablauf: Aufwärmen – Dehnübungen – Übungen im freien Raum – ggf. Tanz einüben.


Die Ballettschule von Christiane Böhm im Internet:
www.muenchner-ballettschule.de

Beliebtes Tanzportal:
www.tanznetz.de